Nordwärts

 001 Die Hochebene am Nordostufer des Titicacasee1

001Die Hochebene am Nordostufer des TiticacaseeWir folgen seit ein paar dutzend Kilometern einer unauffälligen Piste durch karges Hochland. Vereinzelt säumen standhafte Kiefern den staubigen Weg, der sich um die Hügel windet und gelegentlich blinzelt uns der Titicacasee aus der Ferne zu. Die Hügel spucken uns an einer T-Kreuzung auf einer unbeschilderten Teerstraße am Ufer des Sees aus. Wir müssen wohl in Peru sein. Von einer Grenzstation ist weit und breit nichts zu sehen. Nach ein paar lustigen Gesprächen mit den, in der Regel aus der Feldarbeit hochgeschreckten Peruanern auf den Äckern entlang der Straße, bekommen wir den Weg zur Migration und von dort aus zum Zoll gewiesen. Den ersten Stempel haben wir in der Tasche und fahren offensichtlich von der falschen Seite auf das Zollgebäude zu. Wo nun der richtige Abzweig für den offiziellen Grenzübergang gewesen wäre, vermögen wir nicht zu rekonstruieren. Verwunderlich ist auf jeden Fall, dass zum ersten Mal der Zoll vor der Migration dran gewesen wäre.

002 Andenschlucht auf dem Weg in den Amazonas Perus002 Andenschlucht auf dem Weg in den Amazonas Perus1Voller Zuversicht betreten wir das kleine Haus mit der großen Flagge und treffen den einzigen Zöllner gerade beim Mittagessen an. Er bedeutet uns vor der Tür zu warten und beendet, was er gerade begonnen hat. Sei ihm gegönnt. Wir sind gerade dabei uns ein paar Brötchen zu schmieren, als wir nach überraschend kurzer Wartezeit von dem Herrn mit vollem Mund hereingebeten werden. Sein letzter Bissen ist vernichtet und wir hatten nicht einmal Zeit für den ersten. Unser Reisepass wird begutachtet und die Mine des netten Zöllners verfinstert sich. Mit der Weisheit eines nahezu pensionierten Beamten, der mit hoher Wahrscheinlichkeit sein Heimatdorf nie von außen gesehen hat, bekommen wir einen Vortrag über unser tadelhaftes Fehlverhalten. Er beginnt mit “Wissen Sie denn nicht, dass man überall auf der Welt bei Einreise zuerst beim Zoll (dem zweifellos wichtigsten Organ einer jeden Nation) und dann bei der Migration vorstellig werden muss…”. De Fakto ist Peru, wie bereits erwähnt, das Erste uns bekannte Land in dem das so wäre. Nachdem er uns begreiflich gemacht hat, dass er hier über Leben und Tod entscheidet und wir von nichts eine Ahnung haben, fährt er freundlich wie zu Beginn fort seinen Job zu machen. Die Fronten sind geklärt und wir haben keinesfalls vor uns je wieder gegen die Jahrhunderte währenden Einreisetraditionen Perus aufzulehnen. Ein Schild mit dem Hinweis “-->Grenze Peru” könnte man jedoch schon mal aufstellen in dem Niemandsland, welches wir durchquert haben.

003 Es wird steil auf den Andenpaessen Perus mit bis zu vier Km Hoehenunterschied.005 Schoener Pass umgeben von Gletschern auf dem Weg vom Amazonas nach CuzcoEs dauert einige Minuten bis der ältere Herr sich eingesteht, dass der Computer entweder keine Netzverbindung zum peruanischen Zollsystem hat oder er gerade nicht fähig ist das Ding zu bedienen. Einen alten Hasen wie ihn kann das jedoch, wir sind dafür sehr dankbar, keineswegs aufhalten. Er nimmt den Hörer des Telefons und wählt aus dem Kopf die Nummer des nächsten Grenzpostens. Die Jungs haben alle Hände voll zu tun und können uns nicht helfen. Es scheint jedoch als wüsste er alle Nummern der südlichen Grenzposten Perus auswendig und kennt dazu noch die zuständigen Mitarbeiter. Jedenfalls erreicht er im Handumdrehen einen der vor einem funktionierenden Computer mit Verbindung sitzt und lässt ihn per Ferndiktat alle Daten für den Grenzübertritt eintippen. Leider scheint der Kollege am anderen Ende entweder schwerhörig zu sein oder die Telefonverbindung ist ebenfalls verdammt schlecht: “El señor se llama STEINBERG, Ich wiederhole, er heißt STEINBERG…... Nein! S T E I N B E R G…….Richtig, können sie das nochmal bestätigen?.......NEIN! S wie Sigfried, T wie Theodor, E wie Emil, I wie Ida, N wie Nordpol, B wie Berta, E wie Emil, R wie Rudolph, G wie Gustaf: STEINBERG……..Ja Richtig. Der Vorname ist JOSHUA, ich Buchstabiere: J wie…..
Es waren verdammt viele Daten, die durchgegeben werden mussten, aber der Höhepunkt war definitiv Motornummer bestehend aus über zwanzig willkürlichen Buchstaben und Zahlen. Wir haben viel Spaß gehabt und verlassen das Zollgebäude am späten Nachmittag. Wir waren an diesem Tag die Einzigen auf der Empfangsliste.

004 Schlafplatz an der Bergflanke auf dem Weg aus dem Amazonas nach Cuzco004 Schlafplatz an der Bergflanke auf dem Weg aus dem Amazonas nach Cuzco1Nach diesem ruhigen Grenztag lassen wir es weiterhin ruhig angehen und entscheiden uns gegen den direkten Weg nach Cuzco, dem nächsten größeren Städtchen und für die Durchquerung der Cordillera Vilcanoa, einem Gebirgszug mit mehreren Sechstausender Gletschern zwischen uns und dem Peruanischen Amazonasgebiet. Jeder Kilometer fern der großen Hauptstraßen ist den Aufwand wert. Es geht zuerst noch ein ganzes Stück hoch obwohl wir uns schon auf 3800 Metern befinden und dann fällt die einmalige Straße fast 5000 Meter durch einmalige Schluchten, gesäumt von unglaublich steilen, von den Inkas in Terrassen umgeformten Hängen, in die Tiefe. Es ist unbestritten eine der schönsten Straßen der mir bekannten Welt. Getrübt wird das Bild nur von einem Minenbezirk auf ca. 4500 Höhenmetern gelegen, wo die Arbeiter scheinbar noch unter den, schon von Che Guevara auf seiner Motorradtour angeprangerten, miesen Arbeitsbedingungen und Bezahlungen ihr Leben fristen. Ein nach Öl und Staub riechendes, wie immer bei Minen total verschmutztes Gebiet der Ausbeutung des Bodens und der Menschen. Abgebaut wird hier Silber, meist in Europa und den USA zur Herstellung von Schmuck oder in der Medizin zur antibakteriellen Beschichtung von Oberflächen genutzt. Wir speisen gemeinsam mit den Bergarbeitern in einem bitterkalten Eckrestaurant in dem kleinen Bergbaudorf. Wir wissen die warme Suppe nach der kalten Fahrt ebenso zu schätzen wie die netten Arbeiter in ihren alten Expeditions-Daunenjacken aus zweiter Hand. Die zur Verfügung gestellte Arbeitskleidung reicht bei diesen Temperaturen lange nicht aus.

006 Offroad auf fast 5000 Metern auf dem Weg nach Cuzco006 Offroad auf fast 5000 Metern auf dem Weg nach Cuzco1Beflügelt von den schönen, gleichmäßigen Kurven schlängeln wir uns hinauf was wir vorher hinunter geflogen sind. Höher und höher bis wir auf einer kleinen Offroadpiste beinahe die 5000 Meter Marke knacken. Ein unvergesslicher Anblick auf die naheliegenden 6000er Gipfel im ewigen Eis offenbart sich uns hinter der letzten Biegung. Eine Weile stehen wir einfach nur da und genießen die unberührte Schönheit hier in den abgelegenen Regionen der Anden. Wir sind völlig allein, seit einer Weile schon haben wir trotz der guten Straßen keine Fahrzeuge gesehen. Wir steuern auf die letzten 100 Kilometer nach Cuzco zu, als die immer breiter ausgebaute Straße plötzlich von wild auf der Fahrbahn verstreuten Ästen und Steinen blockiert wird. Einem Sturz nur knapp entgehend, schlängle ich mich ganz knapp durch die Trümmer hindurch. Auf der abfälligen Straße häufen sich die Trümmer, meist an natürlichen Engstellen oder in der Nähe von Dörfern und wir beginnen uns zu fragen was das soll. Hinter einer weiteren Kurve steht die Fahrbahn unversehens voll mit Menschen. Eine kilometerlange Schlange von Bussen, LKWs und Autos säumt die rechte Fahrspur bis wir an einer großen Brücke den Grund für die Verzögerung erkennen. Aufgebrachte Peruaner, teilweise in einheitliche T-Shirts gekleidet, stehen vor einem, quer über die Brückengeländer gehievten, Baumstamm der allen Passanten den Weg versperrt. Entspannt steige ich ab und unterhalte mich mit den Demonstranten. Eine Straßensperre kann mich nach den Erfahrungen in Afrika nicht so schnell aus der Ruhe bringen. 007 Strassensperren auf dem Weg nach CuzcoDie Leute hier seien unzufrieden mit der Politik, erzählt man uns. Sie möchten der Regierung zeigen, dass es so nicht geht und blockieren deshalb die Straße seit zwei Tagen. Ob sie sich bewusst sind, dass die ausfallenden Lebensmittellieferungen, der zusammengebrochenen Nah- und Fernverkehr und die erheblichen Kosten für die Aufräumarbeiten in erster Linie die ärmere Bevölkerung Perus und die Touristen trifft, nicht aber die abgehobenen Eliten des Landes, frage ich nach einer Weile einen der Rädelsführer. Eine erklärende Antwort bleibt er mir schuldig. Ich unterbreite ein paar Verbesserungsvorschläge für ihr Widerstandskonzept und schnell freuen sie sich über unsere ernste Anteilnahme. Jetzt sind wir “Amigos”, Freunde, und die Schranke wird mal kurz für uns angehoben. So einfach geht es. Wir setzen die Fahrt vorsichtig fort. Die Lage verschlechtert sich je Näher wir Cuzco kommen. Mehr Straßensperren, brennende Reifen, Scherben und Dornenbüsche auf der Straße. Mit “Nosotros somos solo Touristas”, wir sind doch nur Touristen, kommen wir ganz gut durch. Wir fahren auf einer geraden Straße, zu beiden Seiten gesäumt von dicht stehenden Häusern mit gelegentlichen kleinen Pfaden dazwischen, durch ein größeres Dorf. Es ist kein Mensch auf der Straße, keine Hindernisse. Wir hören entfernt ein Megaphon und sehen kurze Zeit später mehrere hundert Menschen vor uns auf die bis eben leere Straße strömen. Vorsichtig fahren wir durch die angespannte Menge mit unserem Touristenspruch auf den Lippen. Von irgendwoher fliegt eine Flasche. Ich bekomme von einem Demonstranten zu meiner Linken einen Schlag mit einem Stock vor die Brust. Die Meute fängt an uns zu schubsen, wodurch das Motorrad aus dem Gleichgewicht gerät. Beinahe stürzt Joana. Die Menschen haben genug demonstriert ohne etwas zu erreichen, sie sind ungeduldig und enttäuscht. Die Intelligenz der Masse ist bekanntlich deutlich geringer als die des Einzelnen. Mit einem aufgebrachten Mob lässt sich auch schwer reden. Sehr lange ist es her, dass ich von solcher Angst erfasst werde. Weniger um mich, als vielmehr um Joana, die auch noch hinter mir fährt und dementsprechend schlechtere Chancen hat hier rauszukommen. Das letzte Mal musste ich einen solchen Mob morgens um 5 Uhr nach einem Rausschmiss aus einer rumänischen Disko erleben. Einen Tag im Krankenhaus hat das damals gekostet und das mit viel Glück. Ich hole den deutschen Reisepass raus und drücke ihm dem nächstbesten, halbwegs intelligent wirkenden Schubser ins Gesicht und Rufe “Alemania Solo Touristas”, Deutschland, nur Touristen, nur Touristen!...

Es bildet sich eine schmale Gasse zwischen den Menschen, vereinzelt folgen noch Schläge auf unser Gepäck, es fliegt eine letzte Flasche und wir sind durch. Die Schutzkleidung, die Helme, Handschuhe und Lederstiefel haben uns vor Schlimmerem bewahrt. Den Motorrädern geht es gut. Ein Stück weiter kommt eine von Kindern bewachte Straßensperre. Sie fühlen sich unheimlich cool hier entscheiden zu dürfen wer durchkommt und wer stehenbleiben muss. Niemals hätten wir mit so etwas in Peru, einem der Hauptreiseländer Südamerikas gerechnet. Joana weiß wie man mit Kindern umgeht und überzeugt sie uns durchzulassen. In Cuzco angekommen, hebe ich erstmal Geld ab. Bis hier sind wir mit unserem Notvorrat von 40 amerikanischen Dollar durchgekommen, doch nun wird es eng. die Stadt ist voller Hundertschaften der peruanischen Polizei und einzelner Gruppen von Plakat schwingenden Demonstranten. Wir tanken voll und fahren entgegen unseres eigentlichen Plans gleich weiter in einen kleinen Ort 70 Kilometer nordwestlich von Cuzco. Einige Demonstranten brüllen uns “Chilenos” hinterher und versuchen uns teilweise zu fangen. An der Tankstelle erklärt uns ein Tankwart entschuldigend, dass wir die chilenischen Nummernschilder doch besser verdecken sollten. Man mag hier keine Chilenos! Kurzerhand wird das Nummernschild übermalt und die Mopeds sind von nun an aus ALEMANIA.

008 Mit Gerd in Maras008 Mit Gerd in Maras1Wir fahren relativ unbehelligt aus Cuzco heraus und sind uns voller Optimismus sicher, Peru einfach nur an einem schlechten Wochenende erwischt zu haben. In dem kleine Örtchen Maras hoffen wir in den nächsten Tagen einen alten Bekannten wiederzusehen. Gerd, meinen einzigen zeitweiligen Reise Kumpanen in Afrika. Wir haben ihm eine 008a In Maras auf dem Campingplatz009 Medikamentenlieferung vom GerdNachricht zukommen lassen, dass wir uns hier ein Weilchen ausruhen werden. Direkt an dem überschaubaren Dorfplatz befindet sich laut Karte die einzige Campingmöglichkeit der Gegend. Es dauert eine Weile bis uns eine alte Dame die hölzerne Pforte zum Garten des Hostels öffnet. Wir deuten mehr ihre Gesten als sie zu verstehen, da sie in ihrem hohen Alter entweder eine sehr schwere Zunge hat oder irgendeinen alten Dialekt spricht, den wir nicht kennen. In jenem Garten, so bedeutet sie uns, können wir uns niederlassen. Sie habe aber auch nette Räume, bemerkt sie auf den zweistöckigen Altbau im Hintergrund zeigend. Unser Zelt reicht uns. Wir einigen uns auf 10 Soles die Nacht, es ist ein normaler Preis hier und wir willigen ein. Dusche, Bad, Küche und Feuerstelle können wir nutzen. Wir schlendern nochmal durchs Dorf, um ein Internetcafé zu suchen, damit wir schauen können ob Gerd uns geschrieben hat. Die Suche bleibt vergeblich, doch der Ort entpuppt sich als ruhiges, freundliches Bergdorf mit ein paar schönen Blicken, kleinen Läden mit frischem Gemüse vom Feld nebenan und viel günstiger Straßenküche. Perfekt ein paar Tage auszuspannen. Als wir zur Hintertür des Gartens hereinkommen, erblicken wir ein großes Motorrad mit deutschem Nummernschild. Da hätten wir uns die Suche nach dem Internetcafé auch sparen können. Gerd hat uns gefunden.
Es ist ein freudiges Wiedersehen. Er sieht gut und fit aus, obwohl er gerade erst aus der Reha kommt, nachdem ihn ein Taxi hier in Peru rücksichtslos über den Haufen gefahren hat.

010a Drei Freunde sollt ihr sein010 Das kleine Oertchen MarasWir machen uns ein schönes Abendessen und genießen es nach Langem, wieder unsere Reisegeschichen und Lebensphilosophien auszutauschen. Mit kaum jemandem kann ich mich so gut unterhalten wie mit Gerd. Beim Essen, beim Kochen, beim Teetrinken, beim Lagerfeuer. Immer am Diskutieren. Joana hat ihre Freude an uns zweien. Wir sind ausgelassen und gut drauf, auch weil Gerd uns eine große Last vom Gemüt genommen hat. Gerade aus Deutschland kommend hat er meine Medikamente für die nächsten fünf Monate im Gepäck. Somit kann die Reise unabhängig von irgendwelchen Packet Terminen, sinnlosen Zollvorschriften, teuren Apotheken und Krankenhäusern fortgesetzt werden. Fünf weitere Monate Freiheit! Ich kann ihm gar nicht genug danken.

011 Reifen flicken mit Gerd011 Reifen flicken mit Gerd1Wir sitzen am Feuer und unterhalten uns, als mitten in der Nacht die alte Dame vor uns steht und verärgert auf das Feuer zeigt während sie mit ihrem unverständlichen Gestammel auf uns einredet. Nachdem wir beteuern, wir würden es löschen vorm Schlafengehen und morgen keines machen, gibt sie immer noch keine Ruhe und wir können nichts anderes tun als sie einfach zu ignorieren. Am nächsten Tag erzählt sie uns wir müssten uns eine andere Unterkunft suchen, der Platz wäre für heute Nachmittag ausgebucht, das Hostel auch. Da wir schon bezahlt haben, weigern wir uns. Für das Feuer übrigens sollten wir nochmals fünf Sol zahlen und die Küche und das Bad würden jetzt auch extra kosten. Zum Glück trifft gegen Nachmittag der Sohn der alten Dame ein, gerade als die Situation so weit eskaliert ist, dass die offenbar verwirrte Dame unsere Ladestecker aus der Wand gezogen hat und uns für den Strom extra bezahlen lassen möchte. Ich werde mit meinem mittlerweile ganz gut verständlichen Spanisch kurz laut und sie verzieht sich in ihrem Häuschen. Der Sohn entschuldigt sich für sie, mahnt mich jedoch, dass in Peru der Respekt vor der Mama einen ganz großen Stellenwert hat. Der Respekt vor dem Gast steht hier scheinbar weit darunter. Das Hostel, Gerds Zimmer eingeschlossen, dürften wir als Camper im übrigen nicht betreten. Als bis zum nächsten Morgen kein einziger Gast im Hostel ankommt, wird uns bewusst, dass man uns mit allen Mitteln loswerden möchte, der angeblich ausgebuchte Campingplatz macht dies mehr als deutlich. Weder wir zwei noch Gerd verstehen was wir falsch gemacht haben, ein Gespräch mit dem Sohn und der alten Dame gibt keinen Aufschluss. Am nächsten Morgen packen wir enttäuscht unsere Sachen, wären wir doch gerne länger in diesem schönen Örtchen geblieben. Bevor sich unsere Wege wieder trennen, hat Gerd um der guten alten Zeiten willen noch dafür gesorgt, dass wir wieder ein Schrauber Stündchen einlegen. Sein Hinterreifen ist platt. Gerd hat seit unserer letzten Reise viel dazugelernt und wir arbeiten diesmal Hand in Hand. Nach einer knappen Stunde ist die Maschine wieder fit. Die beiden Männer stehen glücklich vor ihrem Werk. Da Gerd nach Süden unterwegs ist und wir nach Norden, trennen sich unsere Wege schon wieder. Wir verabschieden uns, sicher uns schon bald irgendwo in der Welt wieder zu sehen.

012 Der Weg von Maras nach Macchu Piccu

012 Der Weg von Maras nach Macchu Piccu1012 Der Weg von Maras nach Macchu Piccu2Unser Weg führt uns nun zu einem der zwischen uns beiden umstrittensten Ziele der Reise. Die alte Inkaruine und Weltkulturerbe Macchu Piccu. Einer der stärksten Touristenmagneten Südamerikas. Letzten Endes überzeugen mich die Worte eines erfahrenen Reisenden, der mir auf meine Zweifel entgegnet ich würde irgendwann bereuen so dicht dran gewesen zu sein und es doch nicht gesehen zu haben. Ich beschließe der Ruine eine Chance zu geben und die Menschenmassen um mich herum einfach zu ignorieren. Wir fahren so dicht als möglich mit dem Motorrad heran. In den nur aus Hostels und Restaurants bestehenden Ort am Fuße des Berges Macchu Piccus führt jedoch ausschließlich eine schmale Bahntrasse. Der Zug soll für die zehn Kilometer sagenhafte 25 Euro kosten und so beschließen wir unsere sieben Sachen in die Packsäcke zu stopfen und den Weg zu Fuß anzutreten. Zehn Kilometer immer bergauf mit der Campingausrüstung und Essen für zwei Tage auf dem Rücken. Wir trennen uns, da ich mich zuerst um die sichere Unterbringung der beiden Bikes kümmern muss und Joana schon mal einen günstigen Zeltplatz suchen möchte.

013 Entlang der Schienen ins Macchu Piccu Dorf014 Ueberall Polizei in Macchu PiccuAuf halber Strecke versperren 50, mit Plastikschidern und Tränengasgranaten bewaffnete Polizisten den Weg. Es hocken schon ein paar andere Wanderer auf den Geleisen. Es seien Demonstranten bis hierher vorgedrungen, um die Bahnstrecke nach Macchhu Piccu zu blockieren. Zu unsrem eigenen Schutz dürften wir nicht weiter. 014a Camping am Fuße der Macchu Piccu Ruine oben rechts im BildDer weitere Weg und das Dorf seien nicht sicher. Joana ist nirgends zu sehen, sie muss wohl vor den Polizisten durchgekommen sein. Hoffentlich auch vor den Demonstranten. Meine Gedult und mein Verständnis für diese Proteste sinkt kontinuierlich. Warum soll man den Tourismus lahmlegen, die einzigen bestrafen, die mit den Missständen in diesem Land absolut nichts zu tun haben?
Die Menschen werden mehr und sie werden ungeduldiger. Mit ein paar neuen Bekanntschaften aus aller Welt vertreibe ich mir die Zeit. Nach vielen netten Gesprächen gibt der Chef der Einheit Entwarnung und wir dürfen durch. Die Polizei begleitet uns. Durch die Verzögerung wird es schon dämmrig, ich hoffe Joana vor der Dunkelheit zu finden, danach wird es schwierig. Gerade rechtzeitig erblicke ich unser Zelt auf einer Wiese einen guten Kilometer außerhalb von Aguas Calientes, dem “Macchu Piccu Dorf”.

016 Blick von Macchu Piccu

015 Der Weg zu den Ruinen017 Rueckweg entlang der SchienenVerhältnismäßig günstig kommen wir weg, als wir uns am nächsten Tag als deutsche Medizinstudenten ausgeben und das ermäßigte Nachmittagsticket erwerben. Das Wetter ist genial, wenige Wolken, gute Sicht. Der Aufstieg zu den Ruinen an sich ist schon ein einmaliges Erlebnis. Weil man auch mit dem Bus hochfahren kann, Gesetz des Falles man hat zu viel Geld, sind wir auf dem schmalen Treppenpfad durch den dichten Wald, mit gelegentlich atemberaubenden Ausblicken auf die wolkenumspielten Berggipfel, fast allein. In einem Reiseführer habe ich gelesen, dass die tägliche Zahl der Besucher die Obergrenze der UNESCO häufig übersteigt und die historischen Gänge, Treppen und Plätze durch die Besucher gefährdet sind. So laufe ich den ganzen Tag barfuß, um die Abnutzung gering zu halten. Es ist eine erhebende Vorstellung wie die athletischen Inka vor geraumer Zeit die weichen Hänge zu erklimmen, den kalten Stein der Tempel zu fühlen, die gleichmäßig behauenen und abgerundeten Treppen zu beschreiten. Selbst die vielen Touristen können diesem Ort seine majestätische Ausstrahlung nicht nehmen.

016 Macchu Piccu

018 Kleines Restaurant am Wegesrand der Piste durch den Andenhauptkamm 2018 Namenlose Inkaruine am Wegesrand 3Wir meiden ein weiteres Mal die Hauptstraßen und nehmen eine, trotz der sehr detaillierten Karte, gestrichelte Route durch den Hauptkamm der Anden. Nach ein paar Kilometern hört der Asphalt auf. Kurze Zeit später geraten wir in eine Gruppe von 20 schwer bewaffneten Militärs, die uns halbherzig nach Drogen durchsuchen. Ich frage den Kommandanten ob es normal sein, dass Militär im Inland 018a Der lange Weg ueber den Andenhauptkamm019 Kalte Naechte in den Hoehen der peruanischen Andeneingesetzt werde um nach Drogen zu suchen. Er informiert mich, dass wir uns in einem Risikogebiet befinden. Es gebe hier eine Art Ausnahmezustand. Glücklicherweise nehmen sie es mit Ausnahme dieser Kontrolle scheinbar nicht so ernst wie der Kommandant mir glauben machen wollte. Die nächsten vier Tage durch vermeintliches 019 Kalte Naechte in den Hoehen der peruanischen Anden1Risikogebiet sehen wir keinen einzigen Uniformierten auf der Straße. Es ist landschaftlich eine der schönsten Pisten, die wir erfahren dürfen. Immer höher schlängelt sich die einspurige Piste zwischen den Gletschern an den Hang geklebt empor. Wir durchqueren viele Bergbäche, umfahren Erdrutsche und winden uns mit schleifender Kupplung durch die vielleicht engsten Serpentinen Perus. Auf weit über 4000 Metern dann ein atemberaubender Ausblick bevor es ebenso spektakulär wieder runter geht. Dieses Prozedere wiederholt sich einige Male. Wir kommen kaum voran und haben uns mit unseren Vorräten völlig verschätzt. Luftlinie haben wir ca. 45 Kilometer vor uns. Was wir vorher nicht geahnt haben: Auf der Piste sind das unfassbare 250 Kilometer und 15 Kilometer Höhenunterschied. Wir schaffen am ersten Tag ca. 70 Kilometer trotz eigentlich ganz annehmbarem Untergrund. Auf der Suche nach einem Schlafplatz schauen wir uns ein paar Erhebungen an der Piste an. Auf einer dieser Aussichtspunkte meine ich eine bekannte Bergflanke mit einem kleinen Weg zu erblicken. Ich schaue auf die Karte und überprüfe an der tiefstehenden Sonne die Himmelsrichtung. Es ist der Punkt, an dem wir früh morgens losgefahren sind. Nur zehn Kilometer entfernt. Man meint einen Stein rüber werfen zu können.

022 Pause mit einem typischen peruanischen Snack geroesteter Maiskolben024 Bremshebelschweißen in der StraßenschmiedeWir unterhalten uns an den kleinen Straßenständen in den gemütlichen Dörfchen mit den Menschen hier. Sie sind zufrieden mit ihrem Leben, keine Spur von der fast schon aggressiven Unzufriedenheit, die wir bisher erfahren mussten in diesem doch so schönen Land. Die Lebensverhältnisse sind einfach, es gibt das wichtigste Gemüse, 025 Nordwaerts auf der schnellsten Route durch den Amazonas026 Kuelap Ruine auf dem Weg nach Nordenetwas Obst, Brot und Reis überall zu kaufen und die Minirestaurants, die in einem Raum Küche, Bett und Esstisch für Familie und Gäste beinhalten, haben sogar etwas Hühnchen anzubieten. Kalt ist es in der Nacht, doch wir sehen überall dicke Felle der Bergschafe rumhängen. Es ist ein anderes Peru hier. Härter aber natürlicher als die rasch wachsenden Städte entlang der asphaltierten Adern des Landes.

023 Kaelteste Nacht auf 4300 Metern 15°C das Trinkwasser gefriert

020 Ayacucho schoene Stadt mit unschoenen Erlebnissen020 Ayacucho schoene Stadt mit unschoenen Erlebnissen1Viel zu schnell sind wir mangels Alternativen wieder auf ebenjenen Verkehrsadern unterwegs. Mehr als einmal täglich fürchte ich um meine Knochen und verstehe einmal mehr warum Gerd hier niedergefahren wurde. Die Fahrer der kleinen dreirädrigen Taxis werden immer jünger. Die Abbiege- und Überholmanöver immer mörderischer. In 021Das Motorrad wird in Staedten Perus stets versteckt und das Nummernschild geaendert021 Das Motorrad wird in Staedten Perus stets versteckt und das Nummernschild geaendert1der nächsten etwas größeren Stadt Ayacucho sind wieder jede Menge Demonstranten in den Straßen unterwegs. Zu allem Überfluss bekomme ich aus einem unerfindlichen Grund kein Geld mehr in keinem der neun verschiedenen Automaten, die ich in der Stadt finden kann. In den Bergen haben wir unsere Begeisterung für Peru wiederfinden können. Die letzte Chance ist nun mit dem endgültigen Reißen 022 Ist die Natur auch noch so schoen Muell ist in Peru allgegenwaertigmeines Geduldsfadens verstrichen, als mir ein Polizist mit seiner armlangen Flinte vorm Gesicht rumwedelt und gerne einen Obolus von uns hätte. Ich muss mich schwer beherrschen dem allein an der Straße stehenden Polizisten jenseits der 60 Jahre nicht mit seinem Gewehr, welches er mit Sicherheit noch nie in seinem Dienst verwendet hat, die Knochen zu brechen. Ich bin schockiert über meine eigenen Gedanken. Ich ärgere mich über mich selbst nicht ruhiger bleiben zu können, doch es ist zwecklos. Der Klügere gibt nach und so sehen wir zu, dass wir rauskommen. Von hier aus fahren wir mit größtmöglicher Eile nordwärts. Wir schlafen abseits der Straßen und vermeiden soweit möglich jede größere Stadt oder Menschenansammlung. 12 Tage sind wir ohne Pause unterwegs, machen kurz vor der Grenze noch Rast, um uns ein paar Ruinen anzuschauen und retten uns dann nach Ecuador.

026 Letzte Rast vor der Grenze zu Ecuador

Peru hat uns noch eine Erinnerung mitgegeben und wir haben zum ersten Mal auf dieser Reise ernsthafte Magenprobleme. An der ersten Tankstelle nach einer schönen Piste durch den Süden Ecuadors halten wir an und wundern uns über den relativ hohen Preis des Benzins hier. 1,50 Dollar, erst beim Bezahlen fällt auf, dass man hier in Gallonen zählt. 1,5 Dollar also für knappe vier Liter. Joana tankt und ich schaue mir mal die Toiletten an. Von den Tankstellen in Peru Übles gewöhnt, stelle ich mich auf eine seit Wochen ungeputzte, unbeleuchtete Zelle mit einer schon lange nicht mehr weißen, übel riechenden Schüssel ein. Ich öffne die Tür und bin sprachlos, überwältigt. Es duftet nach Raumerfrischer, die Fließen gleißen im Weiß der Neonröhren. Die Toilette hat eine Klobrille und einen Deckel, auf den man sich gerne niederlässt. Beim Händewaschen aber trifft mich der Schlag. Es gibt nicht nur fließend Wasser sondern auch Seife und, ich muss es zweimal prüfen bevor ich es glaube, Handdesinfektionsmittel. Beim Rausgehen drücke ich der wartenden Putzfrau 1 Dollar in die Hand und bedanke mich überschwänglich. Sie weiß nicht wie ihr geschieht. Ich erzähle Joana voller Begeisterung von diesem schönen Erlebnis. Sie lacht laut los.

027 Panorama auf der Begruessungspiste in Ecuador028 Erstes Mahl in Ecuador ErleichterungBeim abendlichen Tagesresümee wird uns einmal mehr bewusst wie man durch den Verzicht auf die, für uns als Europäer normalen Standards, ebenjene wieder zu schätzen lernt. Wir können auch ohne, doch sind wir froh in Ecuador mal wieder etwas Luxus zu genießen. Es scheint ein schönes Land zu sein. Wer sein Klo sauber hält, der schmeißt auch keinen Müll in die Gegend, der spült seine Töpfe ab, der kocht ohne Magenschmerzen, der ist satt und voller Energie, der hält sich an die Verkehrsregeln, der geht einer ordentlichen Arbeit nach, der kommt einfach zurecht in seinem Leben. Auch wenn der Bogen ein bisschen weit gespannt ist, so gehört doch eins zum anderen und die Vermutungen, die wir nach dem ersten Tag über Ecuador anstellen, sollen sich bewahrheiten. Toiletten lügen nicht.

Wir halten auf einem netten Marktlatz in einem netten Ort namens Vilcabamba. In der Touristeninformation, die diesen Namen hier tatsächlich verdient, treffe ich auf einen, in der Gemeindeuniform gekleideten Touristenberater. Er spricht fließend Englisch und hat Ecuador schon zwei Mal mit seinem Motorrad vom Cotopaxi Vulkan bis an die Salzküste, vom einsamen Amazonas bis in die Millionenstadt Quito befahren. Er gibt uns eine sehr gute Landkarte und zeichnet noch viele Routen und Tipps dazu wo wir mal vorbeischauen sollen. Wir quatschen uns fest und ich kann mich nur befreien als ich ihm anbiete einen Blick auf die Bikes zu werfen. Er hört überhaupt nicht mehr auf von seinem Land zu schwärmen und ich kann mir nicht alle Orte und Geschichten merken. Wir fühlen uns auf jeden Fall von seiner Begeisterung angesteckt und freuen uns darauf mehr zu sehen. Wir fühlen uns willkommen.

029 Mit unseren Freunden Jenny Soeren und Greta in Vilcabamba029a Heiße Quellen in EcuadorNoch eine nette Überraschung wartet auf uns. Ein älteres Wohnmobil mit deutschem Kennzeichen, welches wir kurz an der Grenze gesehen haben, steht direkt neben unseren Bikes. Mit der netten Familien haben wir nur ein paar Worte gewechselt, doch jetzt lassen wir uns auf einer Bank im grünen Park im Zentrum des Platzes nieder und lernen uns bei einem, von der Wohnmobilküche spendierten Kaffee, kennen. Jenny und Sören, beide um die dreißig, haben durch ihre mehrjährige Auslandsarbeit als Ingenieure etwas Geld beiseitelegen können und sind nach Abschluss ihres letzten Projektes und kurz nach der Geburt, ihrer nun zwei Jahre alten, Tochter Greta aufgebrochen, Südamerika zu bereisen. Die drei sind uns gleich sympathisch, wir finden schnell gemeinsame Gesprächsthemen, auch weil sie die bisher jüngsten Reisenden sind, die wir treffen. Eigentlich wollen wir heute noch weiterfahren, doch als die Zeit neben der Unterhaltung vorbeifliegt und die Sonne sich immer weiter senkt, entscheiden wir mit ihnen noch etwas hier zu bleiben. Wir suchen uns einen Campingplatz in der Nähe. Es ist faszinierend zu beobachten wie schnell sich die kleine Greta an die Reise anpasst. Wie sie auf jedes fremde Kind zugeht und ohne Worte schnell Freundschaft schließt. Greta fällt mit ihren blonden Haaren und ihrer hellen Haut hier sofort auf, keinesfalls negativ. Sie zaubert ein Lächeln auf jedes Gesicht und es bilden sich Trauben, wo die drei unterwegs sind. Mutig setzt sich die kleine immer wieder ab, spielt mit anderen Kindern oder macht sich auf die Suche nach dem nächsten Kaugummiautomaten. Weit kinderfreundlicher als Europa sei es hier in Südamerika unbedenklich, sein Kind überall rumlaufen zu lassen und überall mit hin zu nehmen. Oft öffnet Greta mit ihrem Lachen Tür und Tor wo man hinkommt und die Menschen sind noch netter, als man es ohnehin schon gewöhnt ist. Dass das Reisen mit Kind derart einfach ist, hätten wir nicht erwartet. Drei Tage haben wir viel Spaß zusammen, gute Gespräche und leckere Mahlzeiten. Wir verbleiben mit der Verabredung uns in Ecuador wiederzusehen, wenn wir unseren Rückweg anstreben.

031 Guayaquil bei Nacht030 Sehr hilfsbereit und faehig Honda GuayaquilFür uns soll es nun entlang der Straße der Vulkane in die Hauptstadt Quito gehen. Nachdem es zwei Tage sehr kalt und regnerisch ist, schlagen wir jedoch den Lenker nach links ein und steuern auf die Küste zu. In der Millionenstadt Guayaquil machen wir Halt. Seit ca. 2000 Kilometern habe ich hinten einen Radlagerschaden. Das Handling des Motorrads tendiert nun gerade abseits der Straße Richtung unfahrbar. Es ist Zeit. Bevor Frodo den Mechanikern von Honda anvertraut wird, werfe ich einen Blick in die Werkstatt und unterhalte mich mit dem Mann, der das Lager aus- bzw. einbauen wird. Er macht einen fähigen Eindruck und nachdem er das Radlager mit fünf präzisen Schlägen innerhalb kürzester Zeit ausgetrieben hat, lasse ich ihn allein mit meinem Bike. Er versteht sein Handwerk. Joana und ich gehen in das Einkaufszentrum nebenan, um dort etwas von dem überteuerten Schnellessen zu konsumieren. Es gibt hier in der Nähe leider keine Alternativen. Vielleicht ist es Schicksal, dass wir ausgerechnet heute mal eine Ausnahme machen und uns in eine solche Konsummeile begeben. Während wir jedenfalls über unseren Tellern sitzen und das fettige Mahl genießen, werde ich von irgendwoher mit meinem Spitznamen aus Schulzeiten angesprochen. Guayaquil ist ungefähr 10.000 Kilometer von unserer Heimat entfernt. Es ist eine 3 Millionenstadt mit mehr als zehn großen Einkaufzentren. In jedem dieser Zentren könnte man den ganzen Tag unterwegs sein ohne sich über den Weg zu laufen. Und genau hier steht Laura, eine jahrelange Mit-Musikerin aus Bigband Zeiten der GBO vor mir. Wir haben uns seit Jahren nicht gesehen im kleinen Bad Hersfeld und nun sieht sie mich hier beim Essen sitzen, als sie von der gegenüberliegenden Toilette kommt. Manche Dinge geschehen nicht aus Zufall. Sie ist in Eile, gerade am Einarbeiten für ihren Freiwilligendienst hier in Ecuador. Wir verabreden uns für später und sie muss auch schon wieder zu ihrer Gruppe zurück. Ich sitze noch eine Weile ungläubig vor meinem Essen und versuche, diese kurze Begegnung in meinen heutigen Tag einzuordnen. Es wirkt wie ein Traum.

032 Joana bei ihrem ersten Gleitschirmflug

032 Joana bei ihrem ersten Gleitschirmflug1033 Naechtliche AmeisenattackeDie Küste erreichen wir viel schneller als gedacht. Alles ist verdammt dicht beieinander in Ecuador und die Straßen sind verdammt gut. Wir verbringen die erste Nacht seit Monaten mal wieder am Meer. Die frische, salzige Prise und das Rauschen der Wellen erinnern mich seit jeher an Kindheitsurlaube auf Korsika und so hebt sich meine Stimmung auf Bestniveau. Neben unserem Schlafplatz ist ein Treffpunkt für Gleitschirmflieger. Wir laufen mal vorbei und schauen uns das Spektakel an. Gleich werden wir angesprochen von einem netten Luftakrobaten. Von unserer Tour begeistert nimmt er Joana für einen Freundschaftspreis mit in die Lüfte. Durch die aufstrebende Luft vom Meer ist hier quasi unbegrenztes Schweben vor der Küste möglich. Hin und her gleiten sie lange und immer höher über dem Ozean. Glücklich und voller Adrenalin wird Joana diese Erfahrung nicht so schnell vergessen. Noch Wochen später muss ich mir anhören: “Weißt du, ich bin geflogen!”, “Habe ich eigentlich schon erzählt, dass ich geflogen bin?”, “Übrigens….”.

034 Buckelwale und Galapagosvoegel in Puerto Lopez034 Buckelwale und Galapagosvoegel in Puerto Lopez1In Puerto Lopez sehen wir springende Wale, Walbabys und Galapagos Vögel, Schnorcheln mit Clownfischen und lassen die nassen Haare bei einer halsbrecherischen Schnellbootfahrt über den Atlantik im Wind wehen. In Bahia bräunen wir die nach dem vielen Fahren viel zu bleiche Haut am Strand und fahren bei Ebbe über die breite 035 Strand umgraben beim Meier und seiner Familie036 Die unberuehrte Natur EcuadorsSandebene. Wir genießen guten alten Rock und deutsches Frühstück “Beim Meier”, einem ausgewanderten Ostberliner Original, bauen das Zelt für Lau bei ihm am Parkplatz auf und werden mal wieder auf den aktuellen Stand der Nachrichten gebracht in den vielen Gesprächen über die Heimat. Wir überqueren drei Mal den Äquator, besichtigen die “Mitte der Welt” nördlich von Quito und bekommen sogar einen Stempel in den Pass für diese kartographische Besonderheit. Eine Tagesetappe von der kolumbianischen Grenze entfernt finden wir durch Zufall einen kleinen Campingplatz “Camping Valentin”. Eine schöne Wiese mit ein paar Steintischen und einem uralten Stachelbaum oder der Vorgarten mit dem kleinen gelben Pavillon und den spielenden Kindern werden uns angeboten. Die Toilette ist im Haus der Familie. Handwerker, Initiator und Verwalter des Campings ist Opa Valentin. Unterstürzt wird er von Englischprofessor Fernando, Valentins Sohn und dessen Frau, Lady, als Köchin. Die drei kleinen Rabauken von Fernando und Lady, zwischen fünf und zwölf Jahren sorgen dafür, dass es nie langweilig wird. Hier fühlen wir uns wohl. Als Valentin uns noch die heißen Quellen nebenan zeigt und Lady uns auf ein traditionelles ecuadorianisches Essen mit der ganzen Familien inklusive Oma, Opa und Geschwister einlädt, kommen wir nicht umhin länger zu bleiben als geplant. Und die ecuadorianische Gastfreundschaft ist hervorragend. Wir genießen es, uns so sicher und willkommen zu fühlen wie seit Wochen nicht mehr.

037 Mittelpunkt der Erde in Ecuador

038 normales Reise Fruehstueck040 Camping ValentinNur schweren Herzes verlassen wir die Kids und die Familie, um uns auf den Weg nach Kolumbien zu machen. Viel werden wir nicht mehr von dem Land sehen, wenn wir ohne Zeitdruck wieder nach Chile zurückkehren möchten bevor das Christkind kommt, doch wollen wir zumindest eine Ahnung bekommen wie es so ist im Land des Kaffees. Für Reifen und Ketten müssen wir ohnehin über die Grenze, denn in Ecuador sind Teile für Motorräder fast unbezahlbar. Zwei Grenzen gibt es nur zwischen den beiden Ländern, es sind Ferien und wir müssen wegen der schwächelnden Kette den nächsten und größten der beiden nehmen. Dass das ein Fehler war, merken wir schon bei der Anfahrt auf der stark frequentierten Straße Richtung Norden, aber spätestens beim Erblicken der Menschenmasse an der ecuadorianischen Migration. Anstehen und Geduld mit Papierfritzen und ihren sinnfreien Regularien ist nicht meine Stärke. Wir entscheiden gleich nach Kolumbien zu fahren und den Ausreisestempel für Ecuador zu übergehen, da wir ohnehin in naher Zukunft wieder einreisen. Das erste Mal seit Afrika wird hier auf der anderen Seite der Ausreisestempel des vorherigen Landes kontrolliert und nach langem Anstehen werden wir unverrichteter Dinge wieder zurück nach Ecuador geschickt, um uns dort einzureihen. Ein Biker Pärchen aus Dänemark erzählt uns sie hätten fünf Stunden gebraucht, doch es wäre weniger los gewesen als sie angekommen sind. Zwei Mal Migration und zweimal Zoll und einmal Gesundheitsamt sind zu viel für meinen Geduldsfaden. Unter Protest von Joana schmeiße ich die Maschine an und fahre zügig an den halbherzigen Grenzkontrollposten auf kolumbianischer Seite vorbei. Wir sind drin. Ohne Stempel. Ohne Papiere. Ohne zu warten. Wir werden nicht vom Blitz getroffen und auch nicht von Hubschraubern verfolgt. Sogar die Motorräder fahren noch, obwohl der Zoll nicht seinen Segen gesprochen hat. Es ist ein Wunder. Wer sich diese ewigen Grenzstationen ausgedacht hat, möchten wir mal wissen. In Europa geht es doch auch ohne. Die Welt ohne Grenzen wäre eine Bessere, Freiere und Gerechtere. Wir fahren unerwartet auf eine Polizeikontrolle ca. 40 Kilometer nach der offiziellen Grenze zu. Alle sind gut bewaffnet und stehen mit Bikes und Fahrzeugen neben und auf der Straße. Der erste, leuchtend gelb bekleidete Polizist sieht uns kommen und hebt die Hand.

039 Valentin und seine Familie