Amazonas BR319

002 Die Schlammpiste von Macapa in Brasilien nach Cayenne, Frz. Guyana

001 Die Motorraeder vor der Schlammpiste von Macapa nach Cayenne001a Die Motorraeder vor der Schlammpiste von Macapa nach CayenneSchlamm an meinen Händen, in meinem Gesicht, in den Schuhen. Starke Kopfschmerzen kommen stoßartig, vom Nacken an abwärts brennen die Muskeln vor Erschöpfung. Neben mir liegt Frodo, mein treuer Begleiter auf zwei Rädern, unwürdig in den Schlamm geworfen. Regen tropft mir ins Gesicht und ich versuche mich langsam aufzurichten. Kalt kommt es mir vor, obwohl der Schweiß auf meiner Stirn eine andere Sprache spricht. Joana sitzt geschwächt und beleidigt noch auf ihrem Motorrad und schaut ungläubig. Kurz setzte der Verstand aus und in Rage habe ich sie angefahren und ihr die Schuld dafür gegeben, dass wir nicht schneller vorankommen, ohne mir einzugestehen, dass ich selbst uns kaum schneller führen könnte. Sie steigt langsam ab, doch bevor sie mich erreicht, entlädt sich all die Wut über mich selbst, die Enttäuschung über meinen eigenen Körper, in einem letzten Aufbäumen. Das Motorrad wird hochgerissen, der Spiegel und der Bremshebel gerade getreten, das Bein mit Schwung über den Sattel gehoben. Der Motor schnurrt wie immer und ich klebe mich an Joanas Rücklicht, zu 002a Die Schlammpiste von Macapa in Brasilien nach Cayenne, Frz. Guyana003 LKWs haben keine Chance auf der Schlammpisteschwach um eine eigene Spur durch den glitschigen Matsch und um die tiefen Wasserlöcher herum zu finden. Niederschmetternde 50 Kilometer liegen noch vor uns bis wir die Grenze zu Französisch Guyana erreichen. Die zurückliegenden 50 haben uns völlig ausgelaugt. Dieser Matsch ist anders. Er klebt wie gut angerührter Putz an allem mit dem er in Kontakt kommt, setzt alle sich drehenden Teile zu und macht das Motorrad um viele Kilo schwerer. Er setzt das Profil der Reifen zu und gibt einem das Gefühl auf Glatteis zu fahren. Nach einer gewissen Zeit sammeln sich derart viel Matsch, Lehm und Steine im Radkasten, dass sich nichts mehr dreht.
Den 50 Kilometern an der Grenze folgen nochmal 200, angeblich asphaltierte, bis zum nächsten Krankenhaus, das ich unbedingt aufsuchen sollte. Was auch immer mich befallen hat versucht mit aller Macht mich hier, mitten im Regenwald, nieder zu werfen.

004 Die Grenze zum gelobten Land, Frz. Guyana004 Die Motorraeder nach der SchlammpisteDer übersprungene Mittagshunger hat sich lange verzogen, als wir viel zu spät über die neugebaute Grenzbrücke zum gelobten Land rollen, von dem wir uns als Satellitenstaat Frankreichs ein einfaches Durchwinken bei den Formalitäten erhoffen. Schließlich sind wir EU Bürger und müssen auf dem Weg von Freiburg nach Straßburg auch nicht gerade lange anstehen um über die Grenze zu kommen. Ein unübersehbares blaues Schild mit einem gelben Sternenkreis und einem weißen “France” für Frankreich darauf begrüßt uns auf der anderen Seite der Grenzbrücke. Eine von vier Schranken, zwei Spuren für Ausreisende und zwei für Einreisende, stellt sich uns zusammen mit 5 Grenzbeamten kurze Zeit später in den Weg. An ihren frisch gebügelten Uniformen kann man eindeutig zwei Mitarbeiter des Zolls und drei der Grenzpolizei zuordnen. Hätte ich Ahnung von den Strichen und Sternchen, welche auf der Schulter prangen, würde ich mit Sicherheit auch die Rangordnung unter ihnen erkennen. Alles also in bester europäischer Ordnung. Begrüßungen auf Französisch werden ausgetauscht, die Papiere übergeben. Alle wirken sie sehr nett, bis auf einen noch sehr jungen und scheinbar etwas schüchternen Polizisten, der die Begeisterung für unsere Reise nicht so ganz teilt und sich dem überschäumenden Interesse der Anderen an uns nicht anschließen kann. Der ältere der beiden Zollbeamten mit einem lässigen DreiTageBart und einer schmalen Professorenbrille zieht sich lächelnd zurück und tippt unsere Dokumente in den PC. Die Englisch sprechende Polizistin und ihr ebenso junger Kollege vom Zoll löchern uns weiter mit Fragen. Ganz lässig an der Schranke lehnt, zumindest glaube ich es an  der Körpermasse und der Selbstsicherheit zu erkennen, der Chef der Truppe. Ein Baum von einem Mann, durch nichts aus der Ruhe zu bringen, wirkt er als würde er am Wochenende in den naheliegenden Amazonas zur Jaguarjagd mit bloßen Händen ausziehen, und seinen Job als Polizist hier nur so nebenbei betreiben. Er stellt von seiner bequemen Position aus kurze aber intelligente Fragen und nickt uns respektvoll zu als wir unsere Erlebnisse schildern. Der nette Professor vom Zoll kommt mit sorgenvoller Miene aus seinem Häuschen und fragt uns, ob wir eine Versicherung für die Motorräder vorweisen können. Können wir nicht und wurde bisher auch nie verlangt. Ohne Versicherungsnummer könne man die nötigen Einreisepapiere für die Motorräder nicht ausstellen. Wir schildern unsere Situation und meine akute Erkrankung nochmals und ich unterstreiche die Dringlichkeit unseres Anliegens, indem ich just in diesem Moment durch das ausgefallene Mittagessen einen immer weiter fallenden Zucker registriere und mich erstmal zurückziehen muss um den letzten Apfel zu verzehren, der noch übrig ist.

Die nun entbrannte Diskussion können wir dank unserer passablen Französischkenntnisse ganz gut verfolgen. Ohne Zweifel, dass wir über diese Grenze fahren werden, nimmt der Baum, welcher noch immer an seiner Schranke lehnt, seine Kollegen ins verbale Kreuzfeuer: “Wie lösen wir dieses Problem denn nun” Der Frischling, welcher sich bisher nicht redlich beteiligt hat, bemerkt mit einem Blick auf uns: “Sie müssen offensichtlich eine andere Route finden”, woraufhin er vom Baum mit einem vernichtenden Blick versehen wird, der ihn wieder für eine ganze Weile schweigen lassen sollte. Die hübsche Kollegin bemerkt: “ Warum schauen wir nicht einfach in eine andere Richtung wenn sie unter der Schranke durchfahren…, schließlich brauchen sie als EU-Bürger nicht einmal einen Einreisestempel”, “Schwierig mit all den Kameras hier an den Schranken”, bemerkt der Professor vom Zoll und lässt sich allmählich von der Idee begeistern uns hier irgendwie durchzuschleusen. Der junge Kollege vom Zoll hat sich mittlerweile zurückgezogen um mit seinem frisch von der Ausbildung geschürten Idealismus nicht in einen Gewissenskonflikt gezogen zu werden. Er scheint uns zu mögen, aber offensichtlich hat er zum Biegen der Gesetze noch nicht die nötige Erfahrung. Nicht ganz so klug ist da unser schweigsamer Kollege von der Polizei. “Nun gut” meint der Baum, “Was haltet ihr denn davon die Bikes da hinten über den Zaun zu hieven, da sollte es doch keine Überwachung geben!?”, bemerkt er mit einem selbstsicheren Lächeln. Unser Stiller macht nun seine Rolle in diesem Spiel mit einer weiteren Bemerkung klar: “Wenn das der Chef mitbekommen würde…”, sagt er mit einem ängstlichen Gesichtsausdruck als würde er um seine Existenz fürchten. Damit ist diese Alternative auch vom Tisch und es breitet sich Ratlosigkeit aus. Wäre da nicht der eventuelle Verräter gewesen, hätte der Baum zweifelsohne das erste Bike schon alleine über den Zaun geworfen. Mit einem gewinnenden Lächeln wendet er sich nach kurzer Stille an uns: “ Was haltet ihr von einer Schifffahrt?”, Wir schauen ihn fragend an als er fortfährt: “Es gibt einen kleinen Fischerort mit vielen Booten, fünf Kilometer Flussabwärts, von dort würde euch bestimmt jemand mit auf die andere Seite nehmen”. “ Wir könnten gerade in eine andere Richtung schauen wenn ihr anlegt. Keine Kameras, kein Zaun.” meint der Prof. “Woher wissen wir, wem wir von den Fischern dort vertrauen können? Was wird uns das kosten? Was, wenn uns eine Streife aufgreift?” Der Professor, begeistert von dieser Idee fragt mit der Aufregung eines kleinen Jungen, der gerade einen Streich ausgeheckt hat: “Kennen wir nicht jemanden der uns noch einen Gefallen schuldet…” “Oh ja” Der Baum zieht genüsslich sein Mobiltelefon aus der Tasche, das in seiner Pranke wie ein Spielzeug wirkt und wählt…:”Hey, du musst zwei Weiße über den Fluss bringen. Ohne Papiere. Leg hinten an der Ecke an, sie werden in 20 Minuten bei dir sein. 100 Real, keine Spielchen, keinen Cent mehr!” Die Kollegin mit dem guten Englisch gibt uns nochmals eine genaue Wegbeschreibung zum Steg und den Namen des ominösen Amigo mit dem Boot, bevor wir uns alle mit einem Händedruck verabschieden. Der Stille wurde mit einer vielsagenden Geste des Baumes auf die naheliegende Wache geschickt. “Schade, dass wir uns nie getroffen haben”, Augenzwinkern “Passt auf bei der Brücke über den nächsten Fluss, 90 Kilometer, ein paar Kollegen wollen dort euren Pass sehen. Seid freundlich und parkt die Bikes etwas abseits und es wird keine Probleme geben, Bon Voyage!”

006 Die Motorraeder auf dem viel zu kleinen Fischerboot von Brasilien nach Frz. GuyanaWir finden den Steg auf Anhieb und ein schmieriger Typ in seinen Fünfzigern erwartet uns schon mit seinem viel zu kleinen Boot. Mehrmals sehe ich die Motorräder auf dem Grund des Flusses liegen während ich unter Aufbietung der absolut letzten Reserven mit zwei Helfern die 130Kg von dem windschiefen Steg in das schwankende Bootchen bugsiere. Ohne die beiden ehrenamtlichen Helfer, die von irgendwoher kamen um mit anzupacken ohne eine Gegenleistung zu erwarten, würden wir heute noch am Steg stehen. Auf der anderen Seite fällt das Anlegen an einem flachen Strand leichter und die Bikes sind schnell von Bord gehievt.  Kaum genug Kraft die Taschen wieder auf den Sattel zu legen, komme ich mir völlig hilflos vor. Die übliche Hochstimmung nach erfolgreichem Überqueren einer neuen Grenze bleibt aus. Es ist keine Energie mehr für Freude übrig. Mit etwas eingetrübter Sicht fahre ich vorsichtig die Asphaltstraße aus dem Grenzörtchen heraus. Die erste Holzfällerschneise quer zur Hauptstraße nutzen wir im Halbdunkeln um uns abzusetzen und unser Zelt mehr schlecht als recht auf dem schrägen Untergrund aufzubauen. Die Nacht wird schrecklich. Albträume, Gliederschmerzen, Kopfschmerzen, Hitze, Kälte, ...

Die Kurvenstraße durch den hügeligen Regenwald nach Cayenne, Hauptstadt dieser Französischen Provinz, muss schön zu fahren sein, doch es fällt schwer sich dafür zu begeistern. Gegen Mittag schlagen wir völlig fertig und verdreckt in der Notaufnahme des staatlichen Krankenhauses von Cayenne auf.  
007 Banges warten im Krankenhaus in Cayenne, Frz. Guyana009 Mein Retter Dr. Loic Epelboin, Infektiologe im staatlichen Krankenhaus in CayenneEs ist Samstag und deshalb ist verhältnismäßig wenig los. Ich werde schnell von einem jungen englischsprachigen Infektiologen in die Mangel genommen. Die Anzahl der nicht enden wollenden Fragen wird nur von der Anzahl der Blutröhrchen übertroffen, die sie an meiner Vene abfüllen. Das Krankenhaus hat Struktur, die Fragen und die Labortests ebenfalls. Während des gesamten Tages hier werde ich nicht einmal nach Geld oder einer Versicherung gefragt. Ein Folgetermin zur Besprechung der Laborergebnisse wird vereinbart. Ich fühle mich hier sehr gut aufgehoben, ziehe jedoch ein Hotelzimmer der Krankenstation vor. So quartieren wir uns nach langen Preisverhandlungen in einem schönen Hotel direkt an der Küste ein. Von der Sauberkeit, der Meeresluft und dem guten Essen versprechen wir uns eine schnelle Genesung. Ich bin noch etwas skeptisch was den Preis angeht, doch Joana lässt da nicht mit sich reden und verordnet mir Hotel für die Zeit der Genesung. Es tut gut einmal nicht in seinem eigenen Schweiß bei tropischer Hitze einzuschlafen. Es ist auch ganz schön keine Mücken erschlagen zu müssen, bevor man sich zur Ruhe legen kann. Das Gefühl der Sauberkeit nach einer klaren, kühlen Dusche mit einer frischen Seife und dem Abtrocknen mit reinweißen Handtüchern ist unbeschreiblich. 008 Das Hotel an der Kueste des Atlantik in Cayenne010 Kochen im Hotel an der Kueste des Atlantik in CayenneJoana schwärmt aus und verschafft sich einen Überblick über die nächstgelegenen Märkte und Restaurants. Sie kommt mit vollen Tüten zurück, womit die Ernährung gesichert ist. Es gibt, wie in Frankreich üblich, leckeren Schmierkäse mit lachenden Kühen drauf, Schinkenspeck nach korsischer Art, schwarze Oliven, viel frisches Gemüse und dazu knuspriges Baguette. Jetzt steht der Genesung nichts mehr im Wege. Mit Tee und Fruchtsaft versorgt mich meine Pflegerin regelmäßig und ich brauche nichts tun als hin und wieder mal im Krankenhaus vorbeizuschauen und ansonsten viel zu schlafen.

Einen kleinen Eindruck von dem Land bekommen wir bei unseren Erledigungen. Es gibt viele Westafrikaner, häufig aus den ehemaligen französischen Kolonien, die nun hier in Französisch Guyana, bei ähnlichen klimatischen Verhältnissen aber besserer Wirtschaftslage als in der Heimat, ihr Glück suchen. Sie prägen zusammen mit chinesischen Geschäftsleuten und ein paar Europäern das Straßenbild. Sehr nette Menschen ohne Scheu vor neuen Kontakten mit der typischen Offenheit welche ich schon in Westafrika erfahren durfte. Da ist der Nigerianer, John, der vorm Krankenhaus zusammen mit seinem Kollegen aus Mali einen Sandwich-Stand betreibt. Da ist die Dame aus China, welche im Supermarkt um die Ecke lokale und europäische Spezialitäten vertreibt. Da ist die Obdachlosentruppe aus Gabon, die gegen Abend aus ihren Zelten am Strand in den Park vor dem Hotel strömt und den Sonnenuntergang genießt, während sie sich einen Billigwein genehmigen. Und natürlich sind da noch die französischen, sich abwechselnden Empfangsdamen und Verwalterinnen des Hotels, welche sich an Oberflächlichkeit täglich zu übertreffen suchen.

Alle Ergebnisse des Labors sind negativ. Ich kann nun an die zwanzig Infektionen aufzählen, die ich nicht habe. Was ich habe kann mir keiner sagen. Mit der guten Pflege und dem auf Verdacht eingeworfenen Doppelantibiotikum hat sich das, wovon auch immer ausgelöste Fieber, zurückgezogen. Langsam gehen auch all die anderen unangenehmen Symptome ihrer Wege und meine Kraft kehrt zurück. Es ist ein schönes Gefühl wieder rennen zu können, nicht von der Hitze erschlagen zu werden, und sogar wieder die ersten Klimmzüge zu meistern. Jeden Tag geht es bergauf. Neun Tage später verlassen wir den netten Arzt, der mich etwas widerwillig ziehen lässt. Es martert ihn, dass er als Infektiologe die Ursache für mein zurückliegendes Leiden nicht feststellen kann. Er sieht aber ein, dass noch viel vor uns liegt und “Reisende soll man nicht aufhalten”.

11 Weltraumbahnhof Kourou in Frz. Guyana

Wir fahren vorbei am Weltraumbahnhof Kourou, von dem aus viele europäische Raumfahrtprojekte starten, hin zu einem verlassenen Strand im Westen des Landes. Man sagt hier könne man die gigantischen Lederschildkröten beim Eierlegen beobachten. In einer verlassenen 12 Lederschildkroete auf dem Weg zum Eierlegen an der Atlantikkueste, Frz. GuyanaFerienanlage bauen wir unser Lager auf und schleichen des Nachts ohne Licht über den Strand um die scheuen Tiere nicht zu verscheuchen. Lange nach Einbruch der Dunkelheit, fern von der Ferienanlage, hören wir ein schleifendes Geräusch und kurz danach einen tiefen, röchelnden Laut. Langsam erkennen wir wie sich eine Kreatur, nicht unähnlich einem kleinen Felsen, den Strand hinauf schiebt. Nach jeder Bewegung mit den, für die Fortbewegung auf dem Land viel zu schwachen Flossen, ein tiefer kratzender Atemzug. Wir wagen uns ein Foto zu machen und erkennen nun die ganze Dimension des Tieres, welches geradewegs aus der prähistorischen Zeit der Dinosaurier zu kommen scheint. Wir haben noch ein kleines Exemplar der seltenen Kolosse erwischt, doch es reicht um sich ewig in die Erinnerung zu brennen. Wir sind sehr glücklich etwas derart majestätisches mit eigenen Augen sehen zu dürfen. Es ist etwas Besonderes für mich, da ich dieses Tier, seit ich in meiner Kindheit eine Dokumentation darüber gesehen habe, für sein Alter und seine Zähigkeit bewundere. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Schildkröte älter ist als mein Opa und trotzdem noch nicht einmal die Hälfte seines Lebens hinter sich hat. Leider ist es fraglich ob es ihr vergönnt ist ihre ganze Lebensspanne zu genießen oder ob sie in Fischernetzen erstickt, an treibendem Müll zugrunde geht oder wegen ihres Panzers getötet wird.

Wir wollen am nächsten Morgen weiterfahren und merken doch, dass wir fast in Europa sind als uns eine gerade in der leeren Anlage angekommene Dame eine Gebühr für die Übernachtung abknöpfen will. Es ist das erste Mal, dass wir 13 Deutsche Qualitaet in Suriname, laeuft seit ueber vierzig Jahrennach dem Wildcampen in der Natur nach Geld gefragt werden. Wir ignorieren sie und packen in aller Ruhe bevor wir unter empörten Rufen unserer Wege fahren. Ein Katzensprung bis zur Grenze Surinames, an der alles glatt läuft. Für 5€ bekommen wir dort endlich eine offizielle Versicherung ausgestellt, die einen Monat für Suriname und das mittlerweile unabhängige British Guyana gilt. Etwas unkomplizierter als im schönen Staate Frankreichs. Suriname ist zwar mal eine holländische Kolonie gewesen, doch mittlerweile hat man eher das Gefühl sich in Indien oder China zu befinden. Hindu-Tempel, riesige Buddha Statuen, unbekannte Schriftzeichen, überall fernöstliche Unternehmen, welche allen möglichen Ramsch vertreiben. Während die Investoren sich über die schwache Währung freuen, kann sich der Einheimische kaum das Nötigste leisten, da sein Geld wenig wert ist. Man erzählt uns die Wirtschaft laufe gut, doch bei den einfachen Bürgern komme davon nicht viel an.

Nach kurzem Transit zur nächsten Grenze zeigt uns Guyana ein tatsächlich sehr britisches Gesicht. Alle Formalitäten werden über die Maßen genau genommen. Alles muss korrekt laufen. Seine Nase trägt man hier als Beamter so hoch wie möglich und lässt sich auf keinen Fall das geringste Interesse an den Reisenden anmerken. Ein Lächeln wird mit einem kalten Blick beantwortet und wenn jemand ein Problem mit dem Ablauf hat, wird er von einem zum nächsten geschickt bis er müde wird und sich fügt. Die Grenze kostet uns einen halben Tag und viel Geld. Ansonsten zeigt uns das Land ein dem Nachbarstaat sehr ähnliches Gesicht. Wir sind wieder in Indien. Hier gibt es neben dem Geschäft mit 14 Reis und Wasser wo das Auge hinschaut an der Kueste von Guiana15 Bewirtschaftung der Reisfelder unseres indischen Freundes NeishranBodenschätzen, welches unserem Auge verborgen bleibt, in der Reiswirtschaft viel Geld zu verdienen. Das Land ist Tellerflach, von Regenwald ist  nichts mehr zu sehen.  Lediglich Wasser und Reispflanzen. Die Struktur wird uns und vor allem unserer Wildcampingroutine schnell zum Verhängnis. Außer der Straße gibt es hier keinen trockenen und unbewohnten Fleck. Etwas verloren stehen wir an einer 24h Tankstelle und 16 Reis wird zum Keimen gebracht unter dem Farmhaus unseres indischen Freundes Neishranüberlegen mangels Alternativen ernsthaft hier an der einzigen Asphaltstraße, damit auch der Hauptverkehrsstraße Guyanas, zu übernachten. Wird wohl eine unruhige Nacht. In unserer Ratlosigkeit spricht uns unverhofft ein netter Inder aus seinem Pickup heraus an. Er stellt die üblichen Fragen und lädt uns ohne Umschweife ein, auf seiner Farm zu übernachten. Neishran ist Unternehmer und bewirtschaftet mehrere hundert Hektar Reisfelder mit über 30 Mitarbeitern. Er gibt sich uns gegenüber sehr freundschaftlich, als würde man sich schon lange kennen. Den ganzen Nachmittag nimmt er sich Zeit, lädt uns erst zum Essen ein, zeigt uns ein paar seiner Felder und Wasserspeicher. Begeistert erklärt er uns das komplizierte Bewässerungssystem der Reisfelder. Auf seine Farm ist er sehr stolz. Zu seinen Arbeitern, die wir auf der Fahrt treffen, ist er stets nett. Sie behandeln ihn mit für uns übertriebenem Respekt. Es wirkt als sei er ihr Heiliger, nicht bloß ihr Chef. Im krassen Gegensatz zu Neishrans nettem Verhalten stehen die Ausschweifungen seines Compagnons, der seit der Tankstelle neben ihm sitzt. Er kommt gerade aus den USA, New York, und möchte sich, wie er selbst sagt, hier etwas entspannen. Er brüllt die nette Bedienung im Restaurant zusammen, während er sich ein Bier nach dem anderen genehmigt. Dreimal bestellt er etwas anderes, ist mit nichts zufrieden und lässt alles auf dem Tisch stehen. Für jeden Arbeiter hat er einen dummen Spruch übrig. Während Neishran uns in aller Ruhe versucht etwas über Guyana zu erzählen und uns die Reiswirtschaft seiner Felder näher zu bringen, sitzt sein Freund im Pickup und drückt ständig auf die Hupe. Er möchte nun “zu den Mädels”, brüllt er. Er ist das krasseste von einigen Beispielen, der traurigen Überheblichkeit mancher Amerikaner, die wir auf unserer Reise hin und wieder erdulden müssen. Neishran führt uns schließlich zu seinem, auf einem stabilen Fundament, jedoch auf Stelzen stehenden Farmhaus, unter welchem wir trocken und windgeschützt unser Zelt aufbauen dürfen. Er selbst wohnt in der Stadt, wohin wir ihn angesichts seines immer ausfälliger werdenden Begleiters nicht begleiten möchten.

In Georgetown kehren wir der Küste den Rücken zu und fahren in den Regenwald Guyanas. Nicht viel konnten wir über die Piste in Erfahrung bringen, die uns nun erwartet. Über 400 Kilometer soll sie unbefestigt sein und vom Verkehr wenig frequentiert. Es kommt uns gelegen, dass hier nicht so viel los ist, wir müssen dann nicht so viel Staub schlucken, den die LKWs und Taxis aufwirbeln wenn es trocken ist. In Linden, hundert Kilometer südlich der Küste, endet wie erwartet der Asphalt. Wir stocken an dem letzten Tankstellenshop unsere Wasser- und Nahrungsvorräte auf und füllen den Tank. Vier bis fünf Tage und 500 Kilometer sind wir nun unabhängig von jeglicher Zivilisation. Bevor wir uns in die Ruhe der Natur begeben dürfen, spielt uns die erwähnte Zivilisation noch übel mit und hilft uns sich erstmal von ihr zu verabschieden. Es hält mit Ohrenbetäubender, aus schlechten Lautsprechern dröhnender Musik, ein überfüllter Minibus. Nach mehreren grölenden Insassen afrikanischer Abstammung mit Bier oder härterem in der Hand, folgen knapp bekleidete Mädchen und Frauen, nicht minder übermütig. Zwei von ihnen haben ihr Top so weit hochgekrempelt, dass ihre Brüste bar liegen. Sie scheinen sich in ihrem, sicherlich vom Alkohol gesteigerten Selbstbewusstsein, an den eher verekelten Blicken der anderen Kunden zu ergötzen und sie als Bewunderung zu deuten. Während ich in Ruhe versuche die letzten Flaschen Wasser für die Fahrt zu erwerben, werde ich von den etwas verschwitzen Damen angesprochen, die mir ihre Brüste förmlich ins Gesicht drücken: “Du kauf mir eine Flasche?”, Schnaps ist natürlich gemeint, “Eine Flasche, einmal anfassen” bekomme ich das Angebot unterbreitet, während sie mir noch näher kommen. Höflich aber bestimmt erkläre ich den beiden, dass sie für meinen Geschmack schon viel zu viel Schnaps bekommen haben, nehme die Flaschen Wasser, schmeiße die passende Summe auf die Kasse und verlasse etwas traurig den Laden. Was Alkohol und schlechte Erziehung aus einem Menschen, einem Bus voller Menschen, womöglich einer ganzen Gesellschaft, machen können ist traurig. Wir sind froh uns absetzen zu können, indem wir aufsitzen und ohne die dummen Fragen der Meute zu beantworten in die Einsamkeit des Waldes entfliehen.

18 Der Amazonas Guianas, unebruehrt und friedlich

17 Die Piste durch den Amazonas von Guyana nach Brasilien19 Holztrucks im Amazonas GuyanasNachdem die ersten Kilometer der Piste sehr anspruchsvoll zu fahren sind, da große Holztransporter nach dem letzten Regen tiefe Spuren in den Untergrund gezogen haben, wird es schnell besser. In seichten Kurven zieht sich die Route auf roter, fester Erde zwischen riesenhaften Bäumen entlang. Die gelegentlichen Schlamm- und Wasserdurchfahrten können die Stimmung nicht trüben, zumal sie nie 21 Faehre über den Rio Esequibo auf dem Weg durch den Amazonas Guyanas20 Gelaendegaengige Militaertrucks für den Reisexport auch in der Regenzeittiefer sind als das Vorderrad hoch. Entspannt nehmen wir die Ruhe und den Frieden des Regenwaldes in uns auf. Nach den, immer Menschengefluteten Straßen und Orten der zurückliegenden Woche und dem Trubel im Krankenhaus heilt die Piste die letzten Wunden. Ich fühle mich als könnte ich ewig fahren. Eins mit dem Motorrad stellt sich in den Kurven ein Fluss ein, der mich wie von selbst um die Schlaglöcher, durch das Wasser, durch die Kurven leitet. Oft halten wir an um mal ein Rudel Affen, mal ein Papageienpaar, mal einfach nur einen schönen Baum zu betrachten. Die großen Militärtrucks, welche hier benutzt werden um Reis nach Brasilien zu exportieren, lassen uns schlimmes ahnen was die vor uns liegende Piste angeht. Wir fragen die Fahrer stets nach der Route wenn wir einen erwischen. Sie geben Entwarnung: “Man braucht die zwei Meter Wattiefe nur in der Regenzeit”, schmunzeln sie selbstsicher mit einem etwas verrückten Blick. Sie wissen ein paar Geschichten über schlechte Straßenverhältnisse zu erzählen, die niemand von uns wirklich nachempfinden kann.

22 Schoene Piste auf dem Weg durch den Amazonas Guyanas nach Brasilien23 Schlafplatz im Amazonas Guianas kurz vor der Grenze zu BrasilienDrei schöne Tage nur, benötigen wir um nach Brasilien zu kommen, wo uns der Asphalt begrüßt. Ein Hochgefühl von ungeahnter Intensität stellt sich ein. Den nördlichen Teil unserer Amazonasdurchquerung haben wir entspannt hinter uns gebracht. Wir sind nirgendwo stecken geblieben, die Vorräte hätten viel länger gereicht als benötigt, die Bikes laufen zuverlässig wie immer. Während die Sonne an 24 Kleine Sumpfdurchquerung auf dem Weg durch den Amazonas Guyanas25 Die letzten Meter in Guyana auf dem Weg zur Grenze Brasiliens diesem Tag die Schatten der Palmen länger werden lässt und die schnurgerade Asphaltstraße sich über das lichter werdende Buschwerk und Weideland vor Boa Vista zieht, fühlen wir uns unbesiegbar. Wir können offensichtlich alles fahren! Die Grenze zu Brasilien haben wir im Flug genommen, die Papiere waren zwar nicht einwandfrei, die Ausreisestempel haben gefehlt, aber der Polizist lächelt uns nur an und stempelt einfach alles ab. Die Hindernisse in unserem Weg werden im Geiste immer kleiner, das Selbstbewusstsein immer größer, das Glück immer größer. Den Wind im Gesicht, die warme Luft um die Nase, das sonore Vibrieren, den grenzenlosen Horizont im Blick fangen wir an Schlangenlinien auf der völlig verlassenen und viel zu breiten Straße zu fahren. Immer weiter holen wir aus, immer tiefer legen wir uns rein, bis wir genug haben und uns einen Schlafplatz am Straßenrand suchen.

26 Das zweite Mal ueber den Aequator, nördlich von Manaus, Brasilien

27 Feine Teerstraße nach Manaus, Brasilien28 Weltberuehmtes Theater mitten im Amazonas in Manaus, Brasilien800 Kilometer bis Manaus, ein Klacks. Wir schauen uns die Altstadt an, gönnen uns ein Festmahl in einem der Restaurants und schlendern um das weltbekannte Theater herum. Die Kette wird gewechselt und ein paar Ersatzteile aufgefüllt, Vorräte, Finanzen und Benzin aufgestockt und nach ein paar Tagen Pause ziehen wir aus, die legendäre BR 319, von Manaus nach Porto Velho, zu bezwingen.  Die direkteste Piste durch das Herz des Amazonas. Wir sind guter Dinge, trotz des Schnupfens Joanas, die in der letzten Nacht zu dicht an der Klimaanlage geschlafen hat. Auf der ersten Fähre über den Rio Negro werden wir seltsam beäugt als wir von unserem Ziel, Porto Velho, berichten. Keiner kann uns etwas über die Route berichten, außer dass es lange niemand mehr gefahren ist. Wir verstehen nicht so ganz warum während wir sinnierend über knappe 200 Kilometer annehmbarer Asphaltstraße bis zur nächsten Fähre gleiten. Das Gefühl der Stärke und Unbezwingbarkeit nach unserem letzten Triumph über den Dschungel hält noch immer an. Wir haben wenig Bedenken.

29 Fischverkauf an der Straße in Brasilien30 Auf gehts nach Porto Velho, auf dem beruechtigten Landweg der BR 319Kurz vor der Fähre finden wir ein altes Holzfällerhüttchen. Wir beleben es kurzerhand neu. Joana fegt mit einem Palmenzweig durch und ich schmeiße den Kocher an. Ausgeruht kommen wir Tags drauf früh an der Fähre an. Wir müssen warten bis der Kapitän auf der anderen Uferseite aufwacht und zu uns rüber schippert. Es sind nur wenige Dutzend Meter, die Fähre scheint jedoch nicht sehr häufig benutzt zu werden, 32 Die letzte Faehre und der letzte Ort vor dem Beginn der Piste BR 319wie man an dem überraschten Blick des frisch ausgeschlafenen Kapitäns erkennt. Am anderen Ufer gibt es ein kleines Restaurant und damit ein vorgezogenes Mittagsmahl. Man weiß nie wann es das nächste Mal etwas Warmes gibt. Hier hört die Straße offensichtlich auf und weicht einer kleinen Piste. Wir haben über dreißig Liter Wasser dabei, Nudeln, Reis, Linsen, Zwiebeln, Tomatensoße, Öl, Äpfel, Müsliriegel, Nüsse und ein Kilo Müsli mit Milchpulver. Es sollte reichen für eine Woche. Die Moppeds sind top in Schuss. 31 Die vollbepackten Bikes vor der Amazonasdurchquerung auf der BR 319Lediglich der Tank könnte nochmal etwas gefüllt werden. Wo wir jedoch nachfragen, stoßen wir auf verschlossene Gesichter. Zwei deutliche Hinweise hören wir aus der langen Erklärung auf Portugisisch immer heraus: “No Gasolin” (Kein Benzin) und mit einem Fingerzeig nach Westen “No Possibile” (Kein Durchkommen). Bevor die ersten Zweifel an unserem Vorhaben aufkommen entscheide ich loszufahren. Es hat seit zwei Tagen nicht geregnet und ich kann mir nicht vorstellen, dass es so schwierig werden kann wie die Einheimischen es darstellen. “No Possibile” gibt es nicht!

 

 

35 Der Pickup steckt hoffnungslos fest auf der BR 319 33 Die BR 319 beginnt34 Ein kleines Schlammloch auf der BR 319, Joana meistert es nebenbeiDas erste größere Problem von ca. 300 Metern Länge und 20 Metern Breite tut sich gegen Mittag vor dem Lenker auf. Ein allradgetriebener Pickup steckt mitten drin fest. Nach kurzem, vielleicht zu kurzem, Nachdenken nehme ich Anlauf und fahre in die gigantische Schlammpfütze. Ich schaffe ganze zwei Motorradlängen bevor das Bike mit Fahrer hoffnungslos festhängt. Der Schlamm steht über den Fußrasten, vor 36 Ein etwas groeßeres Schlammloch auf der BR 319, jetzt wird es schwierig37 Alles abpacken hilft nichts, wir brauchen Unterstuetzungdem Motor hat sich eine Schlammwand aufgeschoben, die Kettenräder setzen sich zu und die Kette springt nur noch nutzlos über die Zahnräder. Erschlagend trifft mich die Gewissheit, dass es wohl doch kein Spaziergang wird. Das wird wohl eine andere Dimension von Geländefahrt. Es hilft kein Heizen und Draufhalten, kein Schwung und Anlauf tragen uns hier durch, sondern vielmehr das mehrmalige Ablaufen, Nachdenken 38 Vier Mann haben es geschafft Frodo aus dem Schlamm zu befreien39 Unter dem Schlamm wartet glitschiger Lehmund Kalkulieren. Die richtige Linie muss durch die Spuren und Hügel aus Matsch gefunden werden. Geduld und Ausdauer sind gefragt. Es wird wohl mehr Motorradtrial als Enduro. Ich erinnere mich an alte Zeiten, die Regentage waren immer die meinen. Wenn alle anderen aufgegeben hatten, quälte sich einer stets die schlammigen Hänge hoch, mit seinem viel zu großen Motorrad.

42 Ein neuer Versuch, die Fahrt geht weiter

40 Keine Chance für den Pickup, ein Bulldozer wird benoetigt41 Benzin von unseren neuen Freunden, bitter noetigSchnell freunden wir uns nach vergeblichen Versuchen das Motorrad aus dem Schlamm zu ziehen mit den anderen Unglückseligen an. Zu viert schaffen wir es das Motorrad im Schlamm zu drehen und wieder auf festen Untergrund zu schieben. Unsere neuen Freunde haben allerdings mit ihrem Pickup weniger Glück. Palmwedel, Steine, Dreckklumpen, Sandbleche unter den Reifen nutzen trotz des 43 Die Schlammloecher werden immer tiefer auf der BR 31945 Mit Koepfchen wird die richtige Spur ausgesucht und durch! Eine Sekunde Zoegern heißt hier Stunden feststeckenAllrads wenig und der Pickup bewegt sich keinen Meter. Die drei Brüder und eine Frau, liiert mit einem von ihnen, wollen nach Porto Velho um ihre Familie zu besuchen. Die vier arbeiten und leben mittlerweile in Manaus, ihre Verwandten leben noch immer in ihrer Heimat, Porto Velho. Nach kurzem Überlegen springt einer der Männer bei mir aufs Bike und ich fahre einige Kilometer zurück zu einem Bauhof, der die Straße instand halten sollte, aber offensichtlich damit überfordert ist. Ein großer Traktor soll geschickt werden um den Pickup rauszuziehen. Wann, weiß man nicht genau.

47 Ueber 35°C, kein Schatten

44 Das Gepaeck wird ruebergetragen wenn der Schlamm zu tief wird46 In Trailermanier wird der Schlamm umfahren, zu tief ist er hierIch verlasse mich nicht auf die ungewisse Hilfe und schreite das 300 Meter lange “Piscina” (Schwimmbad), wie es die Einheimischen nennen mehrmals ab um mögliche Linien zu finden, das übergroße Schlammloch zu durchqueren. Durch den Wald geht nicht, Graben zu tief, Bäume zu dicht. Mittendurch hat sich als schlechte Idee erwiesen. Mehrmals stürze ich zu Fuß wegen des glatten Lehms unter der flüssigen Schlammschicht. Es zieht mir manches Mal die Schuhe aus, wenn ich versuche das Bein aus dem Dreck zu heben. Das hier ist echt ne harte Nuss. Wir tragen das Gepäck rüber und der Schweiß rinnt uns in die Kleidung. Es gibt keinen Schatten und die Hitze ist unbarmherzig. Noch mehr Luft wird aus dem Reifen gelassen, die lustige Fahrt beginnt. Über die von Trucks und Baufahrzeugen aufgeschobenen Hügel zur linken der Piste Grabe ich mich durch. Spuren werden gequert, kleinere Schlammlöcher mit Schwung genommen. Mehr als einmal bleibe ich stecken und wir müssen das Bike 48 Umgestuerzte Baeume muessen ueberwunden werden50 Die Bikes stecken Mal wieder festschieben während der Motor auf voller Drehzahl versucht sich gegen den Schlamm zu stemmen. Es spritzt, es dampft, es rattert wenn die Kette wieder überspringt, aber nach einer halben Stunde ist es geschafft. 300 Meter dichter an unserem Ziel. Wir überlegen uns mehrmals ob es nicht vielleicht sinnvoller ist umzudrehen und die Fähre nach Porto Velho zu nehmen. Wir kommen schnell zu dem Schluss, dass 51 Erfindungsreichtum ist gefragt um die Bikes auszugraben50a Die Bikes stecken Mal wieder festes mit Sicherheit sinnvoller ist, wir können uns trotzdem nicht dazu überwinden. Es ist wohl eher eine Frage des Stolzes als der Vernunft, jetzt wo sich der Amazonas mit uns angelegt hat, gegen ihn zu bestehen.  Das zweite Bike geht etwas schneller, ich lerne den Schlamm und seine Tücken immer besser kennen. Es ist bereits später Nachmittag als wir die Bikes auf der anderen Seite wieder beladen haben. Jeder Muskel schmerzt und von der Sonne haben wir schlimme Kopfschmerzen. Bei Joana tut die Erkältung von der Klimaanlage ihr Übriges. Wir schlagen das Zelt mitten auf der Piste auf. Es kommt ohnehin keiner durch. Gegen Abend erscheint tatsächlich der versprochene Traktor für unsere brasilianischen Leidensgenossen. Die Seilwinde des Pickups wird an einem Baum verankert, der Traktor wird mit einem Stahlseil mit dem Pickup verbunden, der Motor angeschmissen und die drei Männer schieben. Der Traktor ackert und ackert, die Winde ächzt, der Motor läuft heiß, der Pickup bewegt sich einen halben Meter bevor die Winde sich verabschiedet und die Brasilianer der letzte Mut verlässt. Hier ist kein Durchkommen. Morgen, so versichert uns der Traktorfahrer, werde man mit einem Bulldozer kommen und den Pickup rückwärts herausziehen. Er deutet Richtung Porto Velho: “No Possibile”, der Schlamm sei zu tief.

54 Die Rettende Staerkung,Tunfisch aus der Dose56 Der Schlamm ist wie frisch angeruehrter Putz, er klebt an allemWir teilen unser Wasser und unsere Vorräte mit der netten Familie. Ich gebe ihnen unsere Kopflampen und sie schneiden sich ein paar Palmwedel aus dem umliegenden Dschungel, welche ihnen als Matte für ihr provisorisches Nachtlager dienen. Auf Campen sind sie nicht eingestellt. Für unsere Bemühungen bietet mir der Älteste kurzerhand an, unsere Tanks an seinem Kanister zu füllen. Es muss Schicksal sein, dass wir hier zusammen feststecken. Ohne das Benzin wären wir, was wir erst im Nachhinein herausfinden sollen, mitten im Nirgendwo des Regenwaldes trocken gelaufen. Wir nehmen dankend an.

55 Schlafplatz an der BR 319

58a Die Hoffnung schwindet, der Regen hat uns eingeholt auf der BR 319Wir entscheiden uns am nächsten Morgen entgegen aller Empfehlungen weiter zu fahren. Es werden die härtesten vier Tage unserer Tour, vielleicht die härtesten vier Tage überhaupt. Es folgen noch drei weitere große “Piscinas”, in denen man bei Fehleinschätzungen durchaus das ganze Motorrad versenken könnte. Wir graben uns durch Gräben, über umgestürzte Bäume. Es fließen Tränen der Freude aber auch Tränen der Hoffnungslosigkeit. Eine Angst sitzt uns im Nacken und lässt uns stetig erzittern wenn wir eine Wolke am Himmel erblicken: Regen. Wir wissen nie wie es weitergeht. Mal können wir 50 Kilometer ohne größere Hindernisse zurücklegen, dann kommt ein Schlammbad und man braucht 5 Stunden für 200 Meter Piste. Ein schwerer Sturz lässt meine Sicht am vierten Tag teilweise verschwimmen und meinen Kopf vor Schmerz beinahe platzen. Nach einer Pause muss es dennoch weitergehen. Am vermeintlich letzten Tag, unsere Vorräte neigen sich dem Ende, verlieren wir das Wettrennen und der Regen holt uns ein. Die gesamte Piste verwandelt sich in eine glitschige Rutschpartie wegen des Aufgelösten Lehms.58 Die Hoffnung schwindet, der Regen hat uns eingeholt auf der BR 319

52 Nach 5 Stunden für 200 Meter Schlamloch wird das letzte Gepaeck ruebergetragen

53 Detailaufnahmen der SchlammloecherDie Hoffnung schwindet obwohl wir weit über die Hälfte hinter uns haben, es sind immer noch 150 Kilometer bis zum rettenden Asphalt. Wir legen mit vielen Rutschern und Umfallern ganze 10 Kilometer in der Stunde zurück und es ist keine Besserung in Sicht. Joana verzweifelt. Kurz bevor wir endgültig am Ende der Kräfte sind, nehmen wir zu unserer linken ein kleines Licht wahr. Eine Farm. Wir kehren ein und werden 53a Detailaufnahmen der Schlammloecher60 Die rettende Farm und das nette Ehepaar auf der BR 319von dem netten, in völliger Einsamkeit lebenden Ehepaar, aufgenommen. 5 - 6 Monate im Jahr, so erklären sie uns, gebe es hier keinen Verkehr. Wir seien die ersten dieses Jahr, die es gewagt haben. So kurz nach der Regenzeit gebe es nicht einmal Trucks, die sich durchwagen. Wir werden von den beiden bestens versorgt. Eine Dusche, Wasser, einen trockenen Platz für unser Zelt. Wir sind überglücklich nicht mehr allein zu sein. Die Geborgenheit, die 60 Die rettende Farm auf der BR 319diese kleine Farm uns gibt, ist Balsam für die Seele und spült die Zweifel des nassen Tages wieder davon. Es hat aufgehört zu regnen. Zwei Drittel und der schwierigste Teil der Strecke sind geschafft. Der Schlamm wird zu großen Teilen von der Sonne am nächsten Morgen weggebrannt. Die Piste trocknet. Wir lassen uns viel Zeit mit der Abfahrt. Die Herzlichkeit von den beiden uns gegenüber macht uns den Abschied nach der kurzen Zeit nicht leicht. Mit mehr Vorräten und mehr Zeit hätten wir uns hier bestimmt einige Zeit einquartiert. Dieser Ort strahlt, wie seine Bewohner, einen Frieden aus, eine Zufriedenheit mit dem Wenigen was man hier hat. Es scheint doch alles zu sein, was man braucht. Ohne Telefon, ohne Internet, ohne Strom, aber mit viel Liebe leben die beiden hier.

57 Der Schlamm hat die Bremsbelaege gefressen, neue werden eingebaut57a Der Schlamm hat die Bremsbelaege gefressen, neue werden eingebautEine letzte Prüfung steht uns und unseren müden Armen und Schultern bevor. Einige dutzend Kilometer der Strecke sind noch nicht getrocknet, das Wasser ist tief in den lockeren Lehm gezogen und macht ihn zu einer klebrigen, rutschigen Masse. Das schlimmste ist, dass wir nie wissen wann es besser oder gar schlechter wird. Immer noch keine anderen Fahrzeuge doch der Wille setzt sich 59 Bremsbelagwechsel bei der anderen Maschinedurch und wir graben uns weiter vorwärts. Wir fahren am Abend dieses Tages über eine Kuppe und ich versuche wie immer den kommenden Untergrund der langen Schneise durch den Amazonas zu erkennen. Weit vor uns verfärbt sich die Piste und spiegelt in den aufsteigenden Schlieren die untergehende Sonne. Eine Hoffnung meldet sich in meinem Hinterkopf, doch ich lasse ihr keine Chance bis ich es mit eigenen Augen sehe. Eine lange schwarze Linie schlängelt sich immer weiter durch mein Hirn bis ich sie wahrhaftig erblicke: Eine Asphaltstraße. Wir nehmen das Gas weg und rollen ehrfürchtig auf dem harten Grund dahin. Ein urtümliches Brüllen geformt aus den letzten Kraftreserven rollt durch den Dschungel gefolgt von einem Lachen, welches nicht mehr enden will. Wir setzen uns auf die Straße, die Hände auf dem warmen Asphalt abgestützt.

Wir haben es geschafft.

61 Geschafft