Paraguay

 

01 Alpakas in den Hoehen des Paso Sico04 Die Spuren des Unwetters05 BrueckenneubauRaus aus den Bergen hinein in die Pampa. Wir passieren die Touristenhochburg Salta ohne uns einen tieferen Einblick zu gönnen und fahren so schnell wie möglich die kerzengeraden Asphaltsträßchen durch das Feuchtgebiet im Norden Argentiniens. Die Hitze hier nimmt uns jede Lust die Umgebung zu erkunden. Aus den ersten paar hundert32 Sumpfland in der Pampa Argentiniens06 Der halbe Berg wurde ueber die Strasse gespuelt. Kilometern ergibt sich ohnehin kein sehr interessantes Bild. Eintönig ziehen Stunde um Stunde dieselben kleinen Büsche und Bäume an uns vorbei, gelegentlich unterbrochen durch eine große Weide oder einen kleinen Teich. Jenseits der Straße ist das meiste jedoch Sumpfland und somit ohnehin unbefahrbar und beherrscht von Mücken. Wegen der Hitze stehen wir mit der Sonne33 Keine Spuren keine Stromleitungen keine Schilder der Chaco auf und fahren mit kleinen Essenspausen bis die Sonne sich wieder senkt. Tatsächlich schaffen wir trotz unserer enormen Reisegeschwindigkeit von 80 Kilometern in der Stunde bis zu 500 Kilometern an einem Sonnenzyklus. Die paar Leute, denen wir auf der Tankstelle oder in ihren kleinen Läden begegnen, leben zumeist in sehr einfachen Verhältnissen und sind stets sehr nett und hilfsbereit.

 

 

 

02 Ein Teil der neuen Passstrasse Richtung Salta03 Bizarre Felslandschaft im Nordwesten ArgentiniensWir entscheiden uns wegen der extremen Eintönigkeit einen anderen Weg zu nehmen und biegen mitten in Argentinien nach Norden ab. In der Hoffnung eine Grenze zu Paraguay zu finden, schleichen wir die grenznahe “Routa Nacional 86” entlang, bis wir ein Symbol für einen Grenzübergang erspähen. Es dauert ein bisschen bis wir das richtige, unbeschriftete Gebäude in der kleinen Siedlung entdecken. Der nette argentinische Polizist stempelt unsere Pässe und alles was er wissen will ist, ob wir den richtigen Weg nach Paraguay kennen. Als wir ihn unsicher anschauen schwingt er sich kurzerhand auf sein Motocrossbike und lotst uns durch das Netz von Pfaden, bis wir einen breiteren Weg Richtung Norden erreichen. Er bedeutet uns immer geradeaus zu fahren und prescht davon.

07 Vollmond ueber der Pampa Argentiniens

08 Frische Fruechte, neben der Strasse gewachsen und verkauft34 RiesenheuschreckeWir fahren durch weite grüne Steppe auf einem verdächtig schmalen Weg. Es ist den Spuren nach zu urteilen lange nichts Vierrädriges hier vorbei gekommen und die Abwesenheit von Strommasten lässt viel von der Abgelegenheit dieses Gebietes erahnen, welches man hier gemeinhin unter dem Begriff “Chaco” (Wildnis oder weite Ebene) zusammenfasst. Freudig fühle ich mich einen Moment lang zurückversetzt in die Steppen eines anderen fernen Kontinents. Das GPS wird gar nicht erst ausgepackt, die Karte stecke ich weg, da wir den Namen unseres Zieles schon kennen. Im ersten Ort fragen wir nach der Migration, dem Ort an dem man den Einreisestempel bekommen sollte. Wir ernten jedoch nur fragende Blicke. Also vergessen wir das mit der “legalen” Einreise und verzichten erstmal auf den Stempel. Bei der Erkundigung nach unserem groben Ziel, der Stadt Filadelfia, bekommen wir meist eine Wegbeschreibung, welche wir nicht verstehen und einen ausgestreckten Zeigefinger, welchem wir zumindest folgen können. Man ist hilfsbereit, auch wenn man die “Gringos” (Touristen oder Fremde) nicht immer versteht.

35 Regen macht die schoene Piste fast unfahrbar 36 Der Schlamm klebt und blockiert ALLESWir schaffen es wegen der ungepflegten Erdpiste und den hohen Temperaturen heute nicht, die Trans-Chaco Asphaltstraße zu erreichen und legen uns nach einem ordentlichen Mahl schlafen. Über Nacht ziehen Wolken auf, doch es regnet nicht. Sehr früh erwacht der Motor und es geht weiter nach Norden. Nach ein paar dutzend Kilometern merke ich ein etwas schwammiges Fahrgefühl just in dem Moment, in dem die Piste sich unmerklich etwas verdunkelt. Es hat hier in der Nacht geregnet und die Erde ist noch feucht. Ich mache eine Probebremsung, es passiert nichts, wir fahren auf Eis. Bevor ich Joana überholen kann um sie zu warnen merkt sie schon was los ist. Sie merkt es auf die harte Tour und macht sich bei voller Fahrt nach ein paar vergeblichen Schlenkern lang. Bevor sie richtig versteht was los ist bin ich bei ihr und hebe das Bike auf. Als ich zu meinem Motorrad laufen will, rutsche ich weg und schaffe es ganz ohne Motorrad mich einzusauen. Der klebrige Lehmschlamm setzt Reifen, Schuhsohlen, Radkasten, Bremsen und die Kette völlig zu. Kaum hundert Meter vergehen ohne Sturz und hundert Kilometer liegen noch vor uns. Die Vorräte an Nahrung sollten noch einen halben Tag reichen, doch dann wird es knapp.

Nach einer kleinen Überzeugungspause geht es dann doch weiter. Im Schneckentempo mit sehr geringem Luftdruck in den Reifen kommt man gemächlich vorwärts. Zu unserer Erleichterung dauert die Schlammpassage lediglich zwei dutzend Kilometer, bevor die Sonne große Teile des Weges wieder getrocknet hat. Wir kommen geschafft in Filadelfia an. In einem der zwei Hotels der kleinen Stadt fragen wir nach einer Möglichkeit zu campen. Prompt werden wir zu einer kleinen gemütlichen Ecke hinter dem Duschhäuschen des Hotelpools geführt. Dort können wir campen wenn wir möchten. Es sei nicht dafür gemacht aber dafür dürften wir all die Annehmlichkeiten des Hotels genießen. Frühstück, Poolnutzung, Internet, Computer, Restaurant, Duschen, Toiletten, Wasserschlauch für die Bikes inbegriffen. Ängstlich gehen wir zurück zur Rezeption und warten auf die Verkündung des Preises für dieses Luxus Plätzchen. Mehrmals schaue ich den Wechselkurs nach, bevor ich letztendlich verblüfft für drei Nächte zahle. Umgerechnet 4€ pro Person. Nach dem Kampf der letzten Tage sollten wir uns das hier verdient haben. Nach einem erfrischenden Bad im Pool und einem vorzüglichen Abendessen im Restaurant fallen wir nur noch ins Zelt.

09 Die neuesten Tuefteleien10 Der Dienstwagen im alltaeglichen EinsatzDie nächsten Tage lassen wir ruhig angehen. Das Restaurant stellt sich als vorzüglich heraus, die Preise sind ähnlich günstig wie die Unterkunft, weshalb der Benzinkocher nicht mal aus der Satteltasche geholt wird. In der Zeit zwischen Pool und Essen gönnen wir dem Material mal wieder etwas Aufmerksamkeit. Das gesamte 12 Hauptprodukt der Schweisserei sind Kuhfaenger13 Der Chef, sein Schweisser und die JuniorchefinBekleidungssortiment wird mal mit kaltem Wasser durchgeknetet. Die dunkelbraune Brühe, die den Dreck von 15000 Kilometern auf der Piste in sich vereint, hat starke Ähnlichkeit mit dem Endprodukt des Ölwechsels, welchen ich nach 5000 Kilometern mal wieder durchführe. Neben der schlichten Pflichtreinigung und der 11 Die Kollegen aus der Werkstatt biegen und schweissen alles zurecht14 Unser Basislager in FiladelfiaStandardwartung des Bikes versuche ich hier in Filadelfia erstmals erfolgreich dem Hitzeproblem unseres Endtopfes mit einer massiven, nachhaltigen Lösung beizukommen. Die Taschen verschmoren zwar nicht mehr aber der Inhalt wird verdächtig warm. Einfacher als gedacht ist hier schnell ein Blech gebogen und befestigt, da die ganze 15 Die Stiefel haben sich die Pflege lange verdient16 Dank der guenstigen Preise hier ist das Bordwerkzeug aufgestockt wordenStadt eine deutsche Mennoniten-Kolonie ist. Die Menschen hier haben nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch unser handwerkliches Geschick und unsere Ordnung mit nach Paraguay gebracht. Deshalb ist es hier sehr einfach alle technischen Problemchen der Bikes zu beheben. Details hierzu findet ihr unter “Motorrad”.

37 Lueften ist das neue Waschen38 Vor dem Waschen Zu unserer Schande muss ich gestehen, dass wir uns dann doch etwas länger als drei Tage diesen günstigen Luxus gegönnt haben. Nach einer Woche heißt es dann jedoch Abschied nehmen von unseren Freunden aus der Rezeption und dem Restaurant. Mit vielen von ihnen haben wir uns länger unterhalten. Immer kam jemand in seiner 39 Nach dem Waschen46 Mein Freund und ansprechpartner im Baumarkt FiladelfiaMittagspause interessiert bei unserem kleinen Zelt vorbei und hat sich nach unserer Reise erkundigt oder geschaut, was gerade geschraubt wird. Man hat sich aus seinem Leben erzählt und Parallelen gezogen. Überwältigend war das Interesse und auch die Freude jedes Mal, wenn wir im Restaurant vorbei kamen. Wir hatten fast das Gefühl, man fühle sich geehrt durch unseren langen Zwischenstopp hier im Hotel Florida. Alle zwei Tage kam sogar der Chef persönlich vorbei, um sich zu erkundigen, ob 47 Joana in unserem Pool neben dem Zeltes uns gut ginge. Wir werden ganz entgegen der deutschen Mentalität nicht als Schmarotzer, als Nutznießer des Hotels zu einem günstigeren Preis, sondern als Ehrengäste, als große Weltreisende behandelt. “http://www.hotelfloridachaco.com/” Wir fühlen uns wahrhaft willkommen hier in Paraguay.

 

 

 

17 Unsere Freunde vom Hotel Florida

43 Ueberall macht man Freunde44 Guenstig und gut ein Espresso an jeder TankstelleWir schwingen das Bein über den Sattel und erwecken den Einzylinder mit einem kräftigen Kick zum Leben. Es ist noch angenehm kühl so früh am Morgen, als wir die Kleinstadt hinter uns lassen, um uns Richtung Osten der Hauptstadt Asuncion zu nähern. Die Sauberkeit und Ordnung in Filadelfia setzt sich auch entlang der Trans-Chaco genannten Überlandstraße fort. Wir sehen Menschen mit Rechen und Besen ihre erdigen Einfahrten, ihre geschotterten Gehwege oder die grünen Wiesen um das Haus oder Hüttchen herum reinigen. Der Müll wird verbrannt und tief in den Feldern vergraben. Die Tiere werden ordentlich gefüttert und sind immer eingezäunt. Paraguay macht einen wesentlich besseren Eindruck als wir es angesichts der geografisch ungünstigen Lage und der Ressourcenarmut erwartet hätten. Oft wurden wir vor dem Land gewarnt, doch haben wir uns noch nirgends so sicher gefühlt wie hier. Der Verkehr hält sich selbst bei der Durchquerung Asuncions in Grenzen. Wir stoppen nur an den günstigen und sehr gut ausgestatteten Tankstellen und kommen dementsprechend gut voran. Selbst hier kommen wir mit den Menschen in Kontakt, werden oft angesprochen und sogar zwei Mal eingeladen.

40 Unterstellen vor dem Unwetter42 Ruhiger Verkehr ueberall in ParaguayWir haben Paraguay fast von West nach Ost durchquert, als einige dutzend Kilometer vor unserem östlichsten Ziel, dem Itaipu Staudamm, ein Gewitter aufzieht. Nach stundenlangem vergeblichen Warten entscheiden wir uns trotz des Regens aufzubrechen und uns in der Nähe des Staudamms einen Schlafplatz für heute zu suchen. Wegen des Regens übernehme ich die Führung und wir fahren mit konstanten 70 Sachen bei mäßiger Sicht auf der gut ausgebauten zweispurigen Straße. Als ich eine kleine, längs zur Fahrtrichtung verlaufende Asphaltkante im möglichst stumpfen Winkel überfahre merke ich, dass diese durch den Gummiabrieb der LKW’s sehr glitschig ist. Ich schaue in den Rückspiegel just in dem Moment, als Joana die Kante im spitzen Winkel überfährt. Bei voller Geschwindigkeit stellt sich das Motorrad quer und rutscht dann seitlich weg. Mir wird schlagartig kalt. Bei dem dichten Verkehr und der nicht zu unterschätzenden Geschwindigkeit weiß ich nicht, mit was ich rechnen muss. Das Motorrad ist schnell gewendet und ich blockiere die rechte Spur, um sie vor dem Verkehr abzuschirmen. Mehrere Fahrzeuge bleiben stehen und entschärfen so die Gefahr, überrollt zu werden. Joana steht aus eigener Kraft auf. Das Motorrad ist schnell von der Straße geschafft und der Verkehr fließt wieder. Es ist nichts passiert. Nicht einen Kratzer hat sie davongetragen, der Helm hat den Boden nicht berührt und alles was ihr in den Knochen sitzt, ist der Schreck über den plötzlichen Stopp. Verdammt Glück gehabt!

19 Werkstatt für jedermann gibt es an vielen Tankstellen20 Die Spuren des SturzesDie nächsten Stunden verbringe ich damit, mit Hilfe eines netten Tankwarts das geschundene Motorrad mit etwas Gewalt und etwas Gefühl wieder gerade zu biegen. Noch am selben Tag setzen wir die Fahrt fort und finden ein paar Kilometer später einen Schlafplatz in einem Stadtpark am Ufer des Stausees. Tapfer waren heute sowohl Mensch als 21 Die Schulterschmerzen und der Schock halten noch etwas an22 Reparaturen werden vor Ort vorgenommenauch Maschine. Wir werden wohl im Regen noch etwas langsamer fahren, um zukünftige Kunststücke zu vermeiden. Der einzige bleibende Schaden ist ein leichter Seitenschlag in der Vorderradfelge, aber bei unserer Reisegeschwindigkeit macht sich das kaum bemerkbar. Nochmal Glück gehabt.

45 Die schoenen Monday Wasserfaelle in Paraguay Am nächsten Morgen fahren wir zusammen mit fünf anderen Interessierten zur kostenlosen Besichtigung des größten Staudamms Amerikas, dem Itaipu Damm. Er versorgt 80% von Paraguay und 15% von Brasilien mit Strom und ist eine Haupteinnahmequelle Paraguays. An diesem Tag schauen wir uns noch die Wasserfälle des Rio Monday an und fahren gegen Nachmittag zur Fähre nach Argentinien. Am Grenzübergang werden wir vom Zoll Paraguays nach passenden Grenzdokumenten für unsere Bikes gefragt. Wir haben natürlich keine, da wir mehr oder weniger illegal nach Paraguay hineingefahren sind. Kurz diskutieren wir auf spanisch und schließlich lächelt der Zollbeamte “Wenn ihr keine Papiere habt, dann muss ich wohl auch nichts abstempeln, viel Spaß in Argentinien!” Er funkt zu seinem Kollegen durch, dass wir passieren dürfen und die Sache ist geklärt. Die Welt könnte so einfach sein, wenn die Menschen an jeder Grenze so verständnisvoll und pragmatisch wären. Auf argentinischer Seite das gleiche Spiel: “Ihr kommt morgen wieder vorbei, um den Rückweg anzutreten? Dann sparen wir uns doch gleich den Papierkram und ich merke mir euer Gesicht, herzlich willkommen in Argentinien!”

24 Der gigantische Itaipu Damm25 Die beeindruckenden Iquazu WasserfaelleDurch Iguazu fahren wir zügig immer in Richtung des gleichnamigen Nationalparks, um die weltbekannten Wasserfälle zu sehen. Von allen Seiten wurde uns bereits im voraus angekündigt, es sei touristisch und teuer. Doch wir lassen uns erstmal nicht abschrecken. Wer kostenlos in die Viktoria-Falls kommt, der wird das auch in Iguazu hinbekommen. Nachdem wir vergeblich die Parkwächter und die Parkplatzwächter nach einer Möglichkeit des Campens gefragt haben, ignorieren wir alle Regeln und fahren einen der “Adventure” Pfade für die sündhaft teuren Allradfahrzeug Expeditionen durch den Nationalpark hinein. Da wir spät am Nachmittag nach offizieller Eintrittszeit hineingefahren sind, ist hier nichts mehr los. Die angebliche Expeditions-Piste fährt sich wie eine geschotterte Autobahn, problemlos mit einem tiefergelegten VW Polo zu bewältigen. Soviel zum Thema “Abenteuer”-Iguazu. Am Ende der Piste nach ca. einem dutzend Kilometer durch dichtes Grün gibt es drei Stellplätze für die Expeditionsfahrzeuge und eine Tankstelle. Als wäre man mitten im Amazonas und nicht etwa 15 Kilometer von einer Millionenstadt entfernt. Es wird dunkel als wir eintreffen und so stellen wir kurzerhand unser Moskitonetz auf und lassen die Außenhülle weg. Nach all dem Pseudoabenteuer hier glaube ich auch nicht an die großen Panther- und Leopardenwarnschilder entlang der Straße. Verkauft sich wohl einfach besser, wenn man den Menschen ein paar Wildkatzengeschichten erzählen kann. Wir verbringen unbehelligt eine ruhige Nacht inmitten des, zumindest nachts wie ein Urwald klingenden, Nationalparks. Wir hören die Affen schreien, Vögel kreischen und tausend Grillen in verschiedensten Tönen zirpen. Mit der aufgehenden Sonne bauen wir ab, als ein Ranger sich auf einem der Pfade durch das dichte Grün nähert. Ob wir vom Personal wären, fragt er. Nein. Ok, dann sollen wir uns besser verkrümeln, bevor die Touris mit ihren Führern kommen, sonst gäbe es Ärger. Er für seinen Teil hätte ja nichts gegen Camper im Nationalpark. Ach ja, und vorsichtig sollten wir doch bitte fahren, wegen der Tiere. Alles klar, wird gemacht! Netter Kerl.

Jetzt müssten wir uns eigentlich an den Haupteingang stellen und in einer langen Schlange um ein Ticket betteln. Doch haben wir das Glück, dass wir gestern bereits ohne es zu merken, hinter die Nationalparklinien gelangt sind, und zwar ohne zu bezahlen. Um uns nun auch jeder Kontrolle zu entziehen, halten wir uns nicht bedeckt, sondern protzen richtig. In der Outdoorhose und dem weißen Expeditionshemd schlendern wir durch das 5 Sterne Sheraton Hotel und geben uns als etwas Besseres aus. Der Plan geht auf und um Punkt acht dürfen wir exklusiv mit den anderen Gästen den Park betreten, lange bevor die Touristenschlangen sich durch das überfüllte Haupttor gewunden haben. Obwohl wir anfangs skeptisch waren, ich wohl weit mehr als Joana, lohnt sich der kleine Umweg schon sehr. Nach Südamerika zu fliegen, nur um etwas Wasser den Abhang runterplätschern zu sehen, ist natürlich völlig übertrieben. Aber die Wasserfälle und den Nationalpark auf schmalen Pfaden zu durchwandern und die frische, feuchte Luft zu genießen, ist schon ein einmaliges Erlebnis. Nach zwei Stunden des wanderns ist dann allerdings schon alles abgegrast. Bevor die Massen über uns herfallen, verabschieden wir uns am frühen Vormittag und nehmen die gestrige Fähre in entgegengesetzter Richtung zurück nach Paraguay. Den Papierkram sparen wir uns wie immer.

26 Kennenlernen beim Matetee27 Die Kuehe werden sortiertDiesen Abend sollten wir noch eine freudige Überraschung erleben und einen ganz anderen Einblick in die Vorzüge Südamerikas bekommen. Joana ist geschafft nach der langen Wanderung heute und auch die Folgen des Sturzes machen sich in Rücken und Kopf bemerkbar. Auch mir ist irgendwie nach schlafen zumute. Der Weg nach Süden in Richtung Encarnation, der Karnevalhochburg Paraguays, bietet viele schöne Farmen29 Morgens wird frisch gezapft28 Unser Nachtlager auf der Farm mit grünen Hügeln und einfacher Landwirtschaft. Wir halten an einem der kleinen Höfe an und bitten um einen Platz, unser Zelt aufzubauen. Die ältere Dame am Zaun schaut uns kurz abschätzend an, ihr Gesicht verzieht sich zu einem breiten Lächeln und wir werden eingelassen. Schnell werden ein paar Plastikstühle ins Grüne gestellt. Ein Krug mit kaltem Mate Tees geht herum, während gemächlich in dem bisschen Spanisch, das wir beherrschen, Geschichten ausgetauscht werden. Die Zeit kommt abhanden. Manchmal sitzen wir auch einfach da und schweigen uns an. Keine unangenehme, sondern eine entspannte, unaufdringliche Stille, die nicht gefüllt werden muss, wenn es gerade nichts zu sagen gibt. Es ist ein sehr schönes Gespräch. Es fühlt sich an, als würden sich alte Freunde unterhalten. An dieser entspannten Art sich kennen zu lernen werden wir uns auf jeden Fall ein Beispiel nehmen. Mehrere Liter Mate Tee später wird es langsam dunkel. Der Tag ist vorbei und wir legen uns schlafen. Wir fühlen uns sehr wohl und schlafen tief wie selten bei fremden Menschen zu Gast. Um fünf Uhr wird der Tag mit dem Krähen des Hahnes begonnen. Der Garten wird gerecht, die Hühner und Kühe werden herausgelassen. Der Kochtopf wird mit Holz befeuert. Neben uns auf der Wiese beginnt die Bäuerin die Kühe zu melken und es gibt frische Milch und Eier zum Frühstück. Traumhaft! Dieser kurze Einblick verrät, dass die Uhren hier doch deutlich langsamer ticken als bei uns. Die Technik und Kommunikation ist bei weitem noch nicht so fortgeschritten wie bei uns. Die Menschen sind so entspannt wie fast nirgends mehr in unserer Heimat, sie ruhen in sich und wirken ausgeglichen und glücklich.  

30 Morgenputz