Patagonien

Grandiose Landschaften Patagoniens

Blick auf den Vulkan in Puerto MonttPuerto Montt mit Blick auf den VulkanDie ersten Kilometer auf der geteerten Straße durch die kleinen Fischerorte südlich von Puerto Montt fahren sich wie von selbst. Leichte Kurven schlängeln sich an dem ruhigen Fjord östlich der Insel Chiloe entlang. Gegen Mittag fahren wir um eine der langgezogenen, in den Fels gefrästen,Kurven und die Straße verläuft zwischen einigen Holzhäuschen geradewegs im Meer. Die betongezimmerte Rampe scheint wohl den Hafen für die erste Fähre von vielen auf dieser einzigartigen Nord-Südverbindung durch Chiles Fjorde darzustellen. Gesäumt von Vulkanen, heißen Quellen, steilen Ufern, klaren Seen und schönen Wäldern soll die vor uns liegende Carretera Austral einen der Höhepunkte unserer Reise markieren.Puerto Montts Strassen 2

In dem kleinen Fährbüro direkt an der Rampe wird mir auf Nachfrage erklärt, dass die Fähre erst an Bord bezahlt wird. Es gibt auch keine Platzprobleme, da sie halbstündig verkehrt und außer uns lediglich ein Tanklaster und ein niederländisches Ehepaar mit ihrem Allradfahrzeug warten. Der nette Herr in dem Büro bietet mir an, seinen Wasserkocher zu nutzen und so wird die Gelegenheit genutzt. Nachdem ein Teetässchen geschlürft ist, können wir bereits auf die Fähre rollen. Kurz nach dem Ablegen geht der Schaffner herum Puerto Montts Strassenund kassiert einen lächerlichen Betrag für die Überfahrt. Die vier Euro pro Person mit Mopped können wir gerade so aus dem Ärmel schütteln. Nach 15 Minuten entspanntem Schippern und einem schönen Ausblick auf den Yate Vulkan kommen wir bereits am anderen Ufer in Puelche an. Entspannt fahren wir immer noch auf Asphalt die sanften Hügel des Calbuco hoch, bis nach 30 Kilometern nach einer kleinen Brücke der Asphalt endet und der Spaß beginnt.

 

Bei Sonne und kaum Verkehr auf der Careterra Austral macht das Fahren SpaßEine schöne breite Schotterpiste mit weiten Kurven zieht sich von nun an durch den frühlingsgrünen Wald. Angekommen in Hornipiren, dem nächsten Fährhafen, stellen wir fest, dass hier schon am frühen Nachmittag alles geschlossen hat. Weder das Ticketbüro für die Überfahrt, noch das naheliegende Hafencafe haben offen. Öffnungszeiten, Abfahrtszeiten, Preise oder eine Art Infotafel sucht man am ganzen Gebäude vergeblich. In einem naheliegenden Restaurant essen wir ein frisches, überragend saftiges und würzig zubereitetes Lachsfilet und bekommen von der Bedienung auf Nachfrage erklärt, dass das Schiff am nächsten Morgen erst gegen halb elf anlegt. Wann das Büro offen hat, kann uns niemand sagen. Gesättigt und einigermaßen fahrlustig setzen wir an, um die Küste noch etwas weiter nach Süden zu erkunden und einen schönen Stellplatz für unser Heim zu finden. Nach vier Kilometern stelle ich aus Unachtsamkeit beim Anhalten am Wegesrand meinen Fuß in eine etwas zu tiefe Kuhle. Und schmeiße die Maschine mit dem Lenker auf einen großen Stein. Der Vorderradbremshebel bricht zu zwei dritteln ab. Dumm gelaufen!Frustriert muss ich mir eingestehen, dass es vielleicht doch besser ist einen Zeltplatz in der Nähe zu suchen, statt das Material hier unnötig zu belasten. Wir fahren wieder zurück nach Hornipiren und folgen spontan einem kleinen Schildchen “Lago” (See). Abendliche Entspannung nach dem Fahren in der HaengematteEin kleiner, von Rinnen durchzogener,Weg führt gemächlich den Berg hinauf, bis wir zu unserer linken eine kleine Schafs- und Pferdefarm mit Campingmöglichkeit entdecken. Für drei Euro die Nacht ist der Platz mit der kleinen Schutzhütte, in der wir das Zelt aufbauen können, der sauberen Toilette und der großen Feuerstelle schon preiswert. Der Chef des kleinen Hofes verhält sich etwas seltsam und läuft auffällige Umwege zum eigentlichen Stellplatz. Wir wundern uns schon etwas über ihn, bis er beim Bezahlen jeden Schein direkt vor die Nase hält und uns zu verstehen gibt, dass er nahezu blind ist. Trotzdem scheint er das Leben hier Erster Campinglatzplatz seit Puerto Montt schoen im Gruenenganz gut meistern zu können,auf dem doch relativ unwegsamen Gelände.

Wir fahren den holprigen Weg schon früh am Morgen wieder hinunter. Schon als wir nach links auf die Hafenstraße abbiegen, steht am Rand alles voll mit LKWs und Allradfahrzeugen. Angekommen am Fährbüro,hat zumindest alles offen. Wir stellen uns mit den Bikes vorne in die Schlange, wie das bei Fähren so üblich ist. Im Büro stehen ein paar Trucker vor mir, aber ihr Papierkram ist schnell erledigt. Als ich drankomme, wird mir gleich erklärt, ich bräuchte den Reisepass und die Fahrzeugpapiere. Es dauert etwas,bis ich letztere aus den Leo begleitet uns ein StueckTiefen der Satteltasche rausgesucht habe. Es ist das erste Mal, dass ich diese benötige. Wieder im Büro, steht eine neue Schlange Trucker vor mir. Endlich an der Reihe, erklärt mir die gutaussehende Dame mit dem schlechten Spanisch, es seien noch zwei Plätze auf der 18 Uhr Fähre frei. Ich gebe zu verstehen, das wir keinen Tag in diesem 200 Seelen Dorf mitten im Nichts verbringen möchten.Daraufhin meint sie, dann hätte ich eben gestern kommen sollen, nachmittags sei das Büro offen gewesen. Bling. Der Geduldsfaden ist bei mir heute mal überraschend schnell gerissen. Ich unterhalte das ganze Büro, während ich mit wilden Gesten und ein paar Brocken Spanisch versuche zu erklären, dass ich hier schon vor allen anderen stand und das Büro geschlossen war. Ich nehme eine in der Ecke stehende Tafel und vermittle der Dame, was eine Informationstafel ist, dass es womöglich sinnvoll ist, Öffnungszeiten an die Tür zu hängen. Kurz vor dem Rauswurf stehend, kommt von hinten ein freundliches “Yeah Man, can I help you?” (Jo, kann ich dir helfen?). Ich drehe mich rum und mir wird eine behandschuhte Hand entgegengestreckt. Ich schlage ein und nehme die Hilfe gerne an. Der Biker zieht den Helm ab und die darunter explodierende Haarpracht erinnert mich an frühe Bilder von DEM Motorradfahrer unserer Region: Roßbachs Farmi! Der Motorradreisende, dem ich gegenüberstehe, kommt allerdings aus Brasilien. Leo spricht fließend portugiesisch und spanisch und, was gerade sehr praktisch ist, englisch. Er hat das gleiche Problem wie wir und verhandelt mit etwas mehr Fingerspitzengefühl mit der Dame vom Ticketschalter. Wir sollen das Ticket für die 18 Uhr Fähre kaufen und den Fährmann gleich beim Beladen mal fragen, ob er die Bikes unauffällig noch in die 10 Uhr Fähre quetschen kann.

Natürlich passen unsere kleinen Bikes mit den schmalen Satteltaschen noch bequem zwischen die LKW. So lernen wir unseren Retter auf der vierstündigen Überfahrt näher kennen. Sein Alter ist unschätzbar, aber er ist bereits vier Jahre durch Asien getourt und kennt auch Südamerika sehr gut. Er hat nebenbei auch schon eine sechsjährige Beziehung in Brasilien geführt und er scheint zusammen mit einem Geschäftspartner eine kleine Schnapsbrennerei mit internationalem Vertrieb zu betreiben. Irgendwie hat er zwischendurch genug Kohle verdient, um schon wieder sechs Monate auf dem Bike durch die Welt zu touren. Es kann also so schlecht nicht laufen. Nicht alles an seiner Geschichte haben wir verstanden oder zeitlich einordnen können, aber der Kerl hat auf jeden Fall schon was erlebt. Unterwegs mit Jeans, Turnschuhen, einer alten Textiljacke und einem Rucksack ist sein Reisestil verdammt spartanisch. Trotz der Regenwolken, welche ihn mit Sicherheit bis auf die Knochen durchnässen werden, ist er völlig entspannt, als wir auf die Hafenrampe rollen. Ob wir uns denn jetzt zusammentun wollen, fragt er.Na klar! Routenplanung mit Leo aus Brasilien. Er hat viele wertvolle TippsSo fahren wir gemeinsam bis nach Chaitén. Er könnte mit seiner 250er Yamaha Tenere mit Sicherheit um Längen davonziehen, aber mit bequemen 70 Sachen gibt er ein ruhiges Tempo auf dem festen Schotter vor. Bei der Suche nach einem Restaurant und anschließend nach einem Hostel, merken wir schnell, dass auch unsere Budgetvorstellungen gut zusammen passen. Warm und günstig muss es sein, das ist alles was zählt.

 

 Sonnenuntergang in Futaleufu

Angekommen in Futaleufu gibts gleich erst mal eine KuscheleinheitAuch Biber fuehlen sich wohl in FutaleufuLeo schlägt am nächsten Tag vor, einen Abstecher von der Carretera Richtung Osten nach  Futaleufú zu machen.Über die Schönheit dieser Region ist uns bereits auf der Fähre von einem erfahrenen chilenischen Reisenden berichtet worden. Wir genießen 70 Kilometer schöne Schotterpiste durch ein steiles Tal, durchzogen von glasklaren Flüssen.Lago Lonconao in Futaleufue. Ein traumhafter Platz zum campen Wir fahren in der Wärme des Nachmittags und die Sonne brennt auf die schwarzen Klamotten. Genau das richtige Wetter zum Fahren! Einige Kilometer vor Futaleufú fällt mir rechter Hand ein kleiner Campingplatz, direkt an einem der langgezogenen Bergseen gelegen, auf. Das Tor ist geschlossen, doch überwältigt von der Lage des Platzes, Blick vom Camping Platz auf den Lago Lonconaoversuchen wir unser Glück und fragen dennoch, ob man hier unterkommen kann. Der Besitzer ist ein netter Chilene, der sein Grundstück für die Sommermonate den Campern freigibt. Eigentlich noch geschlossen, macht er für uns eine AusnahmeLeo nimmt sein morgendliches Bad und Leo kann sogar in dem, gerade noch im Bau befindlichen, Leo und Joshua beim Erklimmen eines der Berge in Futaleufu. Schwerer Angelegenheit, aber lohnenswerter AusblickFerienhäuschen übernachten. Wir haben einen Grill, eine Feuerstelle und eine Massivholzeinheit mit Blick auf den See. Die Kajaks und die Angel dürfen wir selbstverständlich jederzeit benutzen. Das Wasser des Sees ist kalt, aber sehr sauber. Man kann unter Wasser meterweit sehen und für ein kurzes Bad ist die Temperatur in Ordnung. Wir haben den perfekten Platz gefunden.Ein Steg fuehrt direkt vom Camping Platz zum See

 

 

 

 

 

Josh geniesst den See mit dem Kajak in vollen Zuegen

 

 

 

 

 

Rio Futaleufu

Leo unser ForellenmeisterAbendliches Festmahl mit gegrillten Forellen und Folienkartoffeln. Ein Genuss!Leo und ich machen uns auf den Weg ins gemütliche,15 Minuten entfernte  Futaleufú. Man merkt dem Städtchen an, dass es sich auf den Tourismus stützt. Trotz des genialen Wetters ist allerdings wenig los. Die Saison hat noch nicht so richtig begonnen. So sind die Leute nicht,wie üblich an Touristenbrennpunkten, gestresst, sondern sehr entspannt und freundlich. Es gibt hier alles was man braucht: Einen kleinen Lebensmittelladen, einen Gemüseladen, ein kleines Cafe mit WLan, ein Krankenhaus, eine Tankstelle und eine Touristinfo. Ein paar Lebensmittel und ein Käffchen später müssen wir wieder los. Es ist noch ein Festmahl für heute Abend geplant. Sobald der Motor schweigt, schmeißt Leo den Köder ins Wasser. Joana bereitet einen Guacamole-Quark vor und ich kümmere mich ums Feuer und den Grillrost. Es dauert nicht lange bis es quer über den Platz schallt: "Hey Man! Look at this!" Er hat gleich die erste ausgewachsene 40cm Forelle am Haken. So geht es weiter. Noch bevor die Glut gut ist, haben wir mehr Fisch als wir essen können. Seit drei Jahren habe ich keinen Fisch mehr selbst ausgenommen. Naja, viel falsch machen kann man eigentlich auch nicht. Danach mit etwas Öl und Kräutern in die Folie gewickelt und auf den Rost direkt übers Feuer geschmissen. Kurz darauf serviert mit den Folienkartoffeln und dem leckeren Quark, verzehrt mit Blick auf den See und dem aromatischen Duft des Tannenholzfeuers in der Nase, ist diese lokale Köstlichkeit unschlagbar.

 

Bei dem Ausblick erledigt sich der Schreibkram doch wie von selbstBeim Steinewerfen haben die Jungs ihren Spass

 

 

 

 

Wir diskutierten am ersten Nachmittag noch, ob wir ein oder zwei Nächte Atemberaubende Ausblicke auf die Berge 2bleiben wollen. Es ist letztendlich Die Bikes machen auf dem Schotter eine gute Figureine Woche geworden. Joana gönnt sich die verdiente Pause nach den, für Neulinge der Motorradkunst,recht anstrengenden Schotterpisten. Leo und ich fahren immer mal in die Stadt einkaufen oder die Gegend abseits der großen Piste erkunden. Nicht selten führt dies zu grenzwertigen Die morgendliche Ruhe des Sees geniessenSteilpassagen in der bergigen Gegend. Kommt man nicht weiter, bleibt nur noch das komplizierte Wenden des Bikes auf den losen Steinchen der schmalen Pfade. Anfahren ist unmöglich bei diesen Steigungen. Auch die Flussdurchfahrten nahe des, für seine Raftingqualitäten bekannten Futaleufú Flusses, fordern uns immer wieder heraus.Wasserspiele Wir haben unseren Spaß! Unterdessen bekommt Joana nach einem etwas übertriebenen Krafttraining starke Rücken- und Nackenschmerzen.

Die Wellblechpassagen der letzten Tage tragen ihren Teil dazu bei. Trotz Fruehstueck mit Melissa und Gissella aus BarilocheMassagen und regelmäßigem Dehnen wird es nicht besser und wir fahren amLeo, Joana und ich vom Winde verweht Morgen des dritten Tages ins Krankenhaus. Sie kann ihren rechten Arm kaum bewegen und den Kopf nicht drehen. Das kleine Hospital in Futaleufú ist überraschend gut organisiert, sehr nett und unkompliziert. Bis auf eine kleine Praxisgebühr ist die Behandlung Tobias und Cami aus der Schweiz sind mit dem Fahrrad durch Chile und Argentinien unterwegskostenlos und die Medikamente bekommen wir, bis auf eine seltene Schmerzcreme, direkt vor Ort in dieMelissa und Gissella Hansen Hand gedrückt. Während Joana sich langsam auf dem Weg der Besserung befindet, stellt sich eine entspannte Routine am See ein. Morgens fahre ich mit dem Kajak quer über den See, um am anderen Ufer Wasser aus einer Felsquelle zu zapfen. Danach wird ausführlich gefrühstückt, etwas Sport gemacht und in der Hängematte entspannt. Gegen Nachmittag wird gefischt oder in der Stadt eingekauft,um die Nahrungszufuhr zu sichern. Am Abend finden wir uns am Feuer zusammen, grillen und philosophieren bis es zu kalt wird und wir uns im Zelt einkuscheln.

 

 

 

 

Ausblicke der Careterra AustralBei Sonne und kaum Verkehr auf der Careterra Austral macht das Fahren Spaß 2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Schönheit der Fjorde der Careterra Austral

 

Ein Seeloewe beim SonnenbadFruehstueckspause an der Careterra AustralNach einer Woche ruft die Straße wieder. Joana hat sich erholt und Leo ist schon am Vortag vorausgeprescht. Wir fahren weiter gen Süden, auf der Routa 7. Man sieht unterwegs das ein oder andere bekannte Gesicht aus Futaleufú, einige Fahrradfahrer, ein Biker aus dem Cafe, nur Leo ist nicht auszumachen. Da wir uns auf der einzigen Nord-Leo und Joana auf der Careterra AustralSüdverbindung in diesem TeilWunderschoene Berglandschaften an der Careterra Austral Chiles bewegen, muss er wohl deutlich zügiger unterwegs sein als wir. In Cohaique  verpassen wir uns nur knapp und dann verlässt er unsere Route. Vermutlich werden wir uns im Laufe des Jahres in Brasilien wiedersehen. Wieder allein lassen wir es weiterhin ruhig angehen, während wir den schönsten und Urwaldkurvigsten Teil der Carretera, denSuchbild wo ist das Maedchen mit dem roten Pullover Queulat Nationalpark,durchqueren. Kurz nach der Passhöhe steigen wir einen gewundenen Pfad entlang einer bewaldeten Bergflanke hinauf, um zum Fuße eines kleinen Gletschers zu gelangen. Der Wald an sich ist schon den Aufstieg wert. Urbelassen, mit dichtem Moos und Lianen bewachsen, von zahlreichen Flüsschen und Bächen durchzogen und trotz Sonnenschein dämmrig und etwas unheimlich, wirkt er wie aus einem anderen Zeitalter. Es ist ein einzigartiges Gefühl durch derart unberührte Natur zu wandern, die frische, feuchte Luft mit jedem Zug zu genießen und dem allgegenwärtigen Plätschern des Wassers zu lauschen. Nach drei Stunden sind wir doch relativ geschafft wieder zurück am Motorrad. Die schweren Stiefel, die rutschigen Baumstämme und die heftige Steigung fordern ihren Tribut. Die Beine brennen! Wir hauen uns bald darauf am Rand der Straße auf eine schöne Wiese am Ufer eines Sees aufs Ohr.

Urwald2

Wie man sich doch auf Teerstrassen freuen kannFuer die NachweltAuf Asphalt geht es nun zügig nach Coihaique. Einkaufen, volltanken, raus aus der Stadt und hinein in den Nationalpark Cerro Castillo. Eingerahmt von Zweieinhalbtausendern aus eisenhaltigem, in der Dämmerung rötlich schimmerndem Gestein, finden wir in einem Wäldchen den perfekten Zeltplatz. Betrieben von den Parkrangern kann man hier, wie in vielen Nationalparks Chiles, in einer Gruppe von bis zu sechs Personen für knapp 2€ pro Person übernachten. Wir tun uns mit ein paar Fahhradfahrern zusammen, damit es günstiger wird. Ich feuere schnell den holzbetriebenen Wasserboiler an und die Duschen sind nach 30 Minuten siedend heiß. Mit dem Verschwinden der Sonne wird es trotz dem schützenden Wald empfindlich kalt hier auf 1200 Metern über dem Meer. Am nächsten Morgen heizen wir die Schutzhütte mit unserem Benzinkocher. Der Sauerstoffgehalt im kleinen Hüttchen ist nach dem kurzen Frühstück grenzwertig, doch es ist wenigstens warm.

 

 

 

 

 

 

Unbeschreibliche Natur

In der Hoffnung auf Wärme fahren wir zügig die kurvige, gut ausgebaute Bergstraße hinunter in ein sonniges weites Tal, eingerahmt von weißen Gipfeln. Wenig später entscheiden wir uns für den unbequemeren, aber sehenswerteren Weg um den Carrera See herum über Rio Tranquillo, der originalen Routa 7 folgend. In dem letzten Dorf am Ende der Asphaltstraße werden Vorräte nochmals aufgestockt und es geht auf den Schotter. Die ersten Kilometer gestalten sich schwierig wegen des starken Windes. Wir müssen eine kurze Überzeugungspause für Joana einlegen. Nach etwas gutem Zureden werden die Tränen getrocknet und wir fahren hinein in die Wildnis. 130 Kilometer Piste ohne Versorgungsmöglichkeiten! Bislang unsere längste Strecke zusammenhängender Offroadpisten. Nach 100 Kilometern senkt sich die Sonne hinter die Bergflanken und die Temperatur mit ihr. Gerade als auch unsere Körpertemperatur sich dem Tiefpunkt nähert und der Wind nochmal zulegt, erspähe ich im Augenwinkel eine kleine Hütte. Wir haben eine wind- und wasserdichte, volkommen intakte Schutzhütte gefunden. Ursprünglich für Tiere genutzt, ist die Hütte mittlerweile scheinbar vielen Reisenden eine wilkommene Zuflucht. Das Glück ist mit uns!Es ist schön warm und gemütlich und wir kochen uns eine leckere Linsensuppe und zwei Teller Nudeln mit Gemüsesoße. So lässt es sich leben!

Koennte man glatt baden, aber sehr kalt

In Rio Tranquillo lassen wir die teuren touristischen Highlights aus und stellen uns stattdessen an den Strand, um einen Tee zu kochen. Wir genießen das schöne Wetter, das Traumpanorama an dem klaren Carrera See und bald auch die gute Gesellschaft. Bruno und seine Frau, zwei Schweizer, stehen mit ihrem Offroadcamper seit fünf Tagen an dem See und spielen Karten mit einem deutschen Ehepaar, ebenfalls in einem großen Camper. Die beiden Schweizer haben vor 16 Jahren ihre Heimat hinter sich gelassen und fahren seitdem durch die Welt. Ihre Geschichten sind für uns sehr interessant, ihre sehr akribisch geführte Internetseite noch mehr, um  Informationen für unsere Reise und die noch kommenden Länder zu sammeln. Wir werden auf einen exzellenten Espresso mit Keksen aus der On-Board Kaffemaschine eingeladen. Danach fährt es sich wie von selbst bis nach Cochrane. Von hier aus haben wir geplant bis zum südlichsten Punkt der Carretera Austral, dem Örtchen Villa O´Higgins zu fahren, um von dort ein Schiff an die argentinische Grenze nahe El Chaitén zu nehmen. Von der Touristeninformation vor Ort erfahren wir jedoch, dass das Schiff nur Fußgänger und Fahrradfahrer transportiert.

Guanacos und keine LamasArgentinien empfaengt uns mit schlechtem WetterNach etwas Überlegung verbringen wir die Nacht in Cochrane, um am nächsten Tag die Grenze am nahegelegenen Paso Roballo zu nehmen. Nachdem wir wieder zehn Kilometer Richtung Norden zurückgefahren sind, führt zu unserer Rechten eine Piste in die Berge hinein. Wir durchqueren einen Teil des neu angelegten Patagonia Nationalparks und sehen zum ersten Mal eine Herde ,der für diese Region typischen, Guanacos, welche wir zuerst mit dem bekannteren Verwandten, dem Lama, verwechseln. Der Weg führt durch eine Hochebene 600 Meter über dem Meeresspiegel. Wir werden vom Regen verfolgt, doch soll er uns erst 80 kurvige Kilometer später an der Grenze zu Argentinien einholen. Hier läuft alles gut! Auf der chilenischen Seite bekommen wir sogleich einen Cafe serviert, unsere fehlende Versicherung und Straßen Lizenz ist kein Problem. Es wird schlicht nicht kontrolliert. Auch bei der Einreise nach Argentinien gibt es keinerlei Kontrollen. Die Piste wird etwas rauer auf der argentinischen Seite. Der kurze Weg direkt durch die Berge zur asphaltierten Route 40 ist wegen Schnee gesperrt. Wir nehmen also den langen Weg über Lago Posadas.

Noch neTraumstrassen

Die ersten Kilometer fahren sich trotz der ruppigen Piste angenehm. Auf den geraden Passagen ist immer wieder Zeit, sich die einzigartigen Felsformationen zu betrachten. Einige Dutzend bis mehrere hundert Meter hohe senkrechte Felswände aus einer Art Sandstein ragen rechts und links empor. Die Felsen sind von verschiedenen Sedimentschichten unterschiedlicher Brauntöne durchzogen, die an die Jahresringe eines alten Baumes erinnern. Gelegentlich blendet eine gleißend weiße Fläche, einer der kleinen ausgetrockneten Salzseen,unsere Augen. Über dutzende Kilometer ist kein Haus, kein Abzweig, kein Flüsschen zu erkennen. Wir sind tatsächlich im Nirgendwo. Nach einer weiten Kurve öffnet sich die verschlungenen Felslandschaft hin zu offenem steinigem Terrain. Wie aus dem Nichts bläst der Wind mit voller Kraft. Das Vorderrad wird trotz Gewichtsverlagerung und Gegenlenken unweigerlich von der Spur im Schotter auf die losen Steine zur Linken gedrückt und die zweite Böe bläst Fahrer und Bike einfach um.

Ich schaue auf und hoffe Joana hat es mitbekommen, muss aber dann zu meiner Überraschung feststellen, das es sie zeitgleich in eine Wasserlache am Wegesrand geblasen hat und sie nur knapp dem schlammigen Tümpel entgangen ist. Ich lasse das Bike liegen und schaue,ob alles in Ordnung ist mit ihr. Als ich näher komme, müssen wir beide lachen. Eine solche Böe haben wir noch nie erlebt. Die Bikes sind unbeschadet, uns geht es gut. Wir fahren weiter und der Wind wird stärker. Das war keine Böe! Permanent bläst es aus unterschiedlichen Richtungen mit geschätzten 60 - 70 Km H. Es liegen noch 70 Kilometer durch diese Einöde vor uns. Es gibt keinen Baum, keinen Strauch, keine Höhle, Das Schild hat uns nicht zuviel versprochenJoshua der Wuestenfuchsfluestererkeinen Schutz. Es gibt nur eins: Weiterfahren! Kommt der Wind von der Seite, ist es eine Kunst die Spur zu halten. Kommt man von dem harten Teil des Schotters, den Spuren der vierrädrigen Fahrzeuge, auf den weichen Teil mit tieferem Schotter, ist man verloren. Ein Sturz ist unvermeidlich. Mit voller Schräglage fahren wir bei Seitenwind die nun meist kerzengerade Piste entlang. Kommt der Wind von vorne, muss man bergab bei Vollgas teilweise runterschalten, um die Geschwindigkeit zu halten und nicht stehen zu bleiben. Es ist ein Kampf gegen die Natur. Ein paar Kilometer vorm Ziel wird Joana vom Wind bei höherer Geschwindigkeit zerlegt. Sie fällt hart auf den festgefahrenen Lehmboden. Ich springe vom Bike und renne zu ihr. Selbst heftig zu stürzen bin ich gewohnt, aber sie stürzen zu sehen, ist etwas, an das ich mich erst gewöhnen muss. Ein paar Tränen fließen, doch es ist nichts Schlimmeres passiert. Das mit dem Stürzen hat sie mittlerweile ganz gut drauf. Nach zwei kräftigen Tritten vors Vorderrad ist die Gabel wieder einigermaßen justiert und wir müssen weiter. Nach einer halben Stunde ist es geschafft. Wir sind im kleinen Lago Posadas angekommen.

Klein ist auf jeden Fall das richtige Wort, um diesen Ort zu beschreiben. Ein paar dutzend Häuser, eine Schule, ein Tante Emma Laden, zwei Polizisten. Kein Internet, kein Geldautomat, keine Wechselstube. Wir haben ein Problem! Kein argentinisches Geld, keine Ahnung vom Wechselkurs, kein Schutz vor dem Wind. Wir fahren durch den kleinen Ort auf der Suche nach Hilfe, als wir tatsächlich eine kleine Touristinfo entdecken. Wir beschreiben unsere Situation und bekommen erstmal einen warmen Tee, ein Stückchen Kuchen und frische Brötchen. Die nette Dame nimmt sich unserer Probleme voll an. Sie ruft die Polizei und schickt mich mit den Kollegen zur einzigen Familie des kleinen Ortes, die Verwandtschaft in Chile hat. Sie betreiben ein kleines Hostel und fahren in der Nebensaison regelmäßig nach Cochrane zu ihren Enkeln. Nach einem kurzen Telefonat haben wir den aktuellen Wechselkurs rausgefunden und sie tauschen mir etwas chilenische Peso in argentinische. Es reicht für eine Nacht auf dem kleinen Campingplatz des Ortes. Es ist eine private Wiese und wir müssen erst das Haus des Besitzers finden, um seine Erlaubnis einzuholen. Die Polizei hilft gerne. Wir fallen nur noch ins Zelt und schlafen mit der Hoffnung, dass der Wind uns über Nacht nicht wegbläst.

Traumstrasse

Am nächsten Morgen frühstücken wir im kleinen Klohäuschen, damit die Brötchen nicht wegfliegen und machen uns bald darauf an die nächsten harten Kilometer bis zur Asphaltstraße, der Routa 40. Fast hundert Kilometer und einige Rutscher später erreichen wir die Straße. Der Wind ist immer noch heftig, aber die Gefahr zu stürzen ist auf dem Asphalt zumindest geringer.Bald müssen wir uns entscheiden: Rechts über die windigen Ebenen nach Ushuaia oder links in die schützenden Berge zurück. Wir fahren links bis nach Perito Moreno und gönnen uns dort eine Nacht auf einem schönen und günstigen Plätzchen mit heißer Dusche. Anschließend setzen wir uns über die Karte und schauen uns die Möglichkeiten an, ohne Wind weiter nach Norden zu gelangen. Es wird uns beiden bewusst, wie dicht wir am Herz Patagoniens mit seinen Gletschern, Nationalparks und den atemberaubenden Bergpanoramen dran sind. Wir diskutieren einige Zeit und entscheiden, wieder nach Süden zu fahren. Scheiß auf den Wind!

Nach 130 windigen Kilometern müssen wir eine Rast im kleinen Bajo Caracoles einlegen, welches aus einer Tankstelle und fünf Häusern besteht und für die nächsten 230 Kilometer den einzigen Ort darstellt. Hier treffen wir einen Schweizer Fahrradfahrer, der ebenfalls nach Süden unterwegs ist. Seit vier Jahren sitzt er fest im Sattel auf seiner Reise um die Welt. Spätestens sein Beispiel überzeugt uns, dass wir es auch schaffen können. Einen Kaffee später sind wir wieder auf der Piste, voll motiviert noch bis in den nächsten Ort fahren zu können. Doch dann Abschleppen mit improvisiertem Abschleppseilbekommen wir schnell einen Dämpfer. Im Nichts, zwischen Bajo Caracoles und Gobernator Gregores bleibt Joanas Bike stehen. Es springt wieder an, doch sobald man fährt, geht es wieder aus. Zu windig und kalt, um hier zu übernachten, spielen wir unsere Möglichkeiten durch. Da ich nicht weiß, was das Problem ist und es stetig kälter und windiger wird, bleibt nur eins übrig. Die Seile unserer Hängematte und die zwei Kletterkarabiner werden aus den Satteltaschen gekramt. Zwei Knoten rein und ein paar rote Socken in die Mitte gebunden, haben wir ein Abschleppseil improvisiert. Das Ganze an meine Soziusgriffe und Joanas Gabelholme geknotet, kann die wilde Fahrt weiter gehen. Es fällt der kleinen Honda mit ihren 17 Ps nicht leicht, plötzlich das doppelte Gewicht mit wechselnden Winden zu ziehen, doch wir schaffen es bei Vollgas auf 70 Km H Reisegeschwindigkeit. Respekt für diese Leistung! Die beiden süßen Maschinen haben schon mehr drauf, als man ihnen ansieht. Wir haben Glück, nach einer halben Stunde schon eine windgeschütze Unterkunft zu finden. Ein kleines Hostel an der Straße, wir sind die einzigen Gäste und haben das Gefühl, dass es eigentlich geschlossen ist. Bei den Symptomen schaue ich zuerst nach dem Luftansaugtrakt der Maschine und muss nach fünf Minuten Schrauben lauthals lachen. Vor einiger Zeit habe ich,um Platz zu sparen, Werkzeug und ein paar Kabelbinder und Kabel in einer kleinen Plastiktüte unter der Sitzbank verstaut. Durch die Vibrationen und den extremen Seitenwind, der auch unter die Sitzbank greift, wurde das Tütchen mit den Bindern nach vorne Richtung Ansaugrüssel gedrückt und irgendwann bei Vollgas angesaugt. Keine Luft mehr, Motor aus! Nachdem ich die Sachen woanders verstaut habe, schnurrt die Maschine wieder wie ein Kätzchen.

Wieder Traumstrassen

Wir sind voll im Fahrmodus und machen im nächsten Ort, Gobernator Gregores, nur kurzen Tankstopp, um weiter Richtung Tres Lagos zu fahren. Es ist noch früh am Tag und wir machen uns, bei heute etwas ruhigerem Wind,auf den Weg. Es folgt die längste Etappe ohne Versorgungsmöglichkeit. Knappe 150 Km ohne ein einziges Haus und ohne Wasser, geschweige denn Mobilfunk. Joana wird etwas mulmig, ich nehme es gelassen. Als nach einer Stunde Fahrt allerdings der Asphalt abrupt endet und eine lange Baustelle angekündigt wird, kommen Zweifel auf. Am Horizont stehen Regenwolken. Die Baustellen hier sind meist nur halbfertig, weil irgendwann das Geld fehlt. Was bleibt ist plattgewalzter Dreck ohne Schotter oder Asphalt darüber. Regnet es, verwandelt sich die "Straße" in einen schlammigen Albtraum. Als uns zwei völlig verdreckte Biker mit ihren Riesenmaschinen entgegenkommen, halten wir an. Eine 1200er Gs und eine große KTM, einmal in Schlamm getunkt, sind ein seltener Anblick. Sie haben sich wohl im Weg vertan. Die Asphaltstrecke führt 380 Km um die kommende Schlammpassage herum, was die verängstigten Biker jetzt wohl in Kauf nehmen müssen. Wir verabschieden uns und machen uns daran uns durchzukämpfen. Joana sieht auch etwas zweifelnd aus, aber es wird ohnehin Zeit, ein weiteres Kapitel in unserer Never-Ending-Offroadschulung anzubrechen. Schlamm!

Nicht alle kommen so gut wie wirMit diesem Lehm koennte man gut Haeuser bauenDie ersten Meter sind etwas wässrig, aber der noch vorhandene Schotter sorgt für ausreichend Haftung. Es kommen uns einige Landcruiser entgegen, die uns davon abraten weiterzufahren, aber wir lassen es darauf ankommen. Nach 20 Kilometern Warmfahren geht es richtig los. Auf den Spuren der entgegengekommenen Allradfahrzeuge balancieren wir durch den glitschigen, klebrigen Schlamm. An manchen Stellen wird es zu tief. Wir nehmen die einfache, aber langsame Schrittgeschwindigkeitsvariante und laufen mit beiden Beinen mit, wenn es schwierig wird. Der Luftdruck wird nach dem ersten Steckenbleiben nochmals gesenkt. Wir fahren mit weniger als einem Bar, aber es geht voran. Permanente Aufmerksamkeit und regelmäßiges Absteigen, um den Radkasten und die Bremsen vom überquillenden Schlamm zu befreien, verlangen gerade von Joana alles ab. Sie beißt sich durch. Mal rechts vom Weg, mal mitten drauf, mal im Gras zur Linken stellen wir schnell fest, dass alles gleich glitschig ist. Der Schlamm klebt an allem. Er setzt in Verbindung mit den Steinchen, die er aufnimmt, alles Erdenkliche zu, was sich eigentlich drehen sollte an unseren Bikes. Es ist eine Quälerei. Als wir kurz davor sind, im Schlamm am Straßenrand unser Zelt aufzubauen, kommt uns ein Pickup entgegen und kurbelt  das Fenster runter. Als Joana den Helm abnimmt, kann er nicht glauben, dass eine Frau sich hier durchbuddelt. Er muntert uns auf: "Itˋs only fuckinˋ ten kilometers ˋtil this fuckinˋ shit stops!" (Es sind nur zehn verdammte Kilometer, bis dieser verdammte Scheiß aufhöhrt!), ruft er grinsend durch sein Fenster, auf den Schlamm deutend ,und wünscht uns noch viel Glück. Das schaffen wir doch noch! Eine Stunde später ist es geschafft. Mit Beginn der Asphaltstraße stellen wir das Zelt in den Sand im Windschatten eines kleinen Hügels.Nur noch Essen und Schlafen! Für die etwas mehr als 50 Kilometer "Baustelle" haben wir sieben Stunden gebraucht.

Die nächsten Tage geht der Kampf mit dem Wind weiter, doch wir arbeiten uns gemächlich, aber kontinuierlich Richtung Süden vor. Auf unserer Route liegen ein paar Höhepunkte der patagonischen Natur. Nahe der kleinen Stadt El Calafate betrachten wir den schnellsten Gletscher der Welt. Den 40 Kilometer langen, fünf Kilometer breiten und 800 Meter hohen Perito Moreno Gletscher. Diese gigantische Eismasse bewegt sich mit zwei Metern am Tag talwärts. An warmen Tagen schmilzt die Sonne die vorderen Eisschichten. Bis zu 60 Meter über dem Wasser brechen große Brocken ab und schlagen mit ohrenbetäubendem Lärm auf dem Wasser auf, um dann als kleine Eisberge durch den Gletschersee zu treiben. Der Gletscher ist Gigantischer Gletscherpermanent in Bewegung und man hört das Knacken und Bersten des Eises, wie Donner durch das ganze Tal rollen. Wir überqueren die Grenze zu Chile absolut unkompliziert, keine ernsthaften Kontrollen, keine unangenehmen Fragen, und nähern uns Puerto Natales. Bevor wir in den sehr touristischen Ort fahren, biegen wir rechts ab und lassen uns auf der Estancia Lago Sophia nieder. Hier können wir nach etwas Feilschen für sechs Euro pro Person und Nacht ein paar Tage verbringen. Es gibt ein absolut sauberes Dusch- und Badhüttchen, warmes Wasser, wenn man den Ofen anfeuert und eine Feuerstelle mit Esstischen für jeden Camper. Wo kann man son nah an einem Gletscher vorbei fahrenRiesenfaultierHolz wird jeden Morgen aus den umliegenden Wäldern mit dem Pickup geliefert. Der Platz in dem kleinen windgeschützten Wald ist perfekt, um sich mal ein paar Tage von der Straße zu erholen. Wir machen Feuer, kochen und grillen ausführlich und wandern in den umliegenden Bergen. Wir entdecken, nach einem Tipp der Farmer, eine prähistorische Höhle mit einigen interessanten Funden, die auf der Welt einmalig sind. Ein Teil davon hat zur Ergründung unserer eigenen Herkunft beigetragen. Das weltweit einmalige "Mylodon" (Riesenfaultier), Wappen der Region und der Stadt Puerto Natales, wurde ebenfalls hier ausgegraben. Später erfahren wir, dass es von der anderen Seite des Berges einen angelegten Weg zur Höhle gibt und wir eigentlich hätten Eintritt zahlen müssen. Unser Querfeldein-Weg war zwar mit vier Stunden etwas länger als der fünf -minütige Aufstieg vom Einlass, dafür haben wir es uns wenigstens abenteuerlich verdient, die Höhle zu sehen.

Entspannt fahren wir weiter nach Punto Arenas und gönnen uns dort gleich wieder eine Pause. Die gesamten 250 Kilometer nach Punta Arenas müssen wir eisigen Regen bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt ertragen. Es gibt keine Zuflucht, kein Hostel, kein Käffchen mehr nach der ersten halben Stunde aus Puerto Natales heraus. Es bleibt nichts als stures Fahren. Angekommen suchen wir eine günstige Bleibe. Wir können nach kurzen Verhandlungen für einen symbolischen Betrag in der Abstellkammer eines Hostels unsere Schlafsäcke auf eine Matte schmeißen. Drei Tage hausen wir dort,um unsere Bikes zur Inspektion zu bringen. Die Inspektion geht glatt über die Bühne. Sogar mein Handbremshebel, der sich nahe Puerto Montt zur Hälfte verabschiedet hat, wird umsonst ersetzt. Während ich mich in den Tagen der Rast hervorragend erholen kann, schwächelt Joana. Keine Lust mehr auf Wind und Kälte ist sie für wenig zu begeistern. Der Husten, den sie seit einigen Tagen  hat, gefällt mir gar nicht. Aber was hilfts, wir können ja nicht ewig pausieren.

Wunderschoene Landschaft

Nach vielen weiteren windigen Stunden auf dem Bike, vorbei an verlassenen Schafsfarmen und Schiffswracks in der Einöde Patagoniens, setzen wir über auf die größte Insel Südamerikas:Feuerland! Im ersten Örtchen, welches prinzipiell nur aus den Häuschen der Arbeiter,die in den umliegenden Ölraffinerien arbeiten, besteht, müssen wir rasten. Joana hat Halsschmerzen und ist völlig fertig von der Fahrt. Wir schlagen unser Zelt neben einem Hotel auf und gönnen uns dort eine warme Mahlzeit. Am nächsten Morgen kann sie kaum schlucken, der Hals ist bedeckt von weißen Bläschen und schon morgens sieht sie aus, als wäre sie 500 Kilometer gefahren. Ich gehe meine Medikamententasche durch und belese mich mit Hilfe des schwachen Internets des Hotels zum Thema Mandelentzündung. Sogleich gibt es Antibiotika und Ibuprofen verordnet. Abgesichert wird die Verordnung durch ein kurzes Telefonat mit unserer Haunetaler Hausärztin Isabell Großkurth. Sofort zu erreichen, wenn man sie mal braucht, empfiehlt sie  Bettruhe, gesunde Ernährung und eben jene Antibiotika, die ich zufällig mit mir führe. Danke dafür! Nach langem Suchen finde ich ein kleines schönes Hostel. Mit viel Verhandlungsgeschick und Dramatisierung unserer Situation schaffe ich es, das Hostel von 30 € pro Person auf 9 € incl. Frühstück runterzuhandeln. Der Pfleger ordnet fünf Tage Bettruhe bei Tee und drei ausführlichen Mahlzeiten und mindestens zehn Kuscheleinheiten am Tag an. So wird es gemacht.

Endlich geschafft

Es geht weiter. Weder Wind, noch Kälte, noch Krankheit können uns abhalten. Bei San Sebastian überqueren wir erneut die Grenze nach Argentinien. Eine Nacht in Rio Grande und ein harter Fahrtag durch den Regen. Am späten Nachmittag rollen wir die letzten Meter des letzten Passes der Routa 3 herunter und sehen in der Ferne ein paar Schiffe vor einem kleinen Städtchen. Als südlichste Stadt der Welt und Ausgangshafen für die meisten  Antarktisexpeditionen, nur zu erreichen durch das harte Klima und die strengen Winde Patagoniens und Feuerlands, ist Ushuaia eine Legende unter Reisenden. Wir haben es geschafft, wir sind angekommen am "Fin Del Mundo", dem Ende der Welt. Wir verbringen hier in einem  günstigen, sehr familiären Hostel die Weihnachtszeit. Viele der Reisenden, die wir nebenbei auf Campingplätzen oder am Straßenrand kennengelernt haben, sind schon hier oder trudeln nach ein paar Tagen hier ein. Es wird zusammen gekocht, essen gegangen, auf einen Kaffee oder ein Eis ausgegangen oder eine kleine Ausfahrt gemacht, wenn es das Wetter hergibt. Wir treffen den Schweizer Fahrradfahrer, Pascal wieder, der die letzten 1000 Kilometer in fast derselben Zeit wie wir zurückgelegt hat.Wir sehen auch ein nettes Ehepaar aus Australien, Mike und Johanna, mit ihrer 250.000 Kilometer BMW wieder,deren Weg wir auch schon öfters gekreuzt haben. Wir sind auf jeden Fall in guter Gesellschaft und machen uns eine schöne Zeit zum Fest der Liebe.

Das Ende der Welt